© 12019 auf pixabay.com /Wetterextreme werden durch Klimawandel häufiger
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Wissenschaftler:innen zum Klimaschutz: Handeln ist dringendst notwendig!

Katastrophen zeigen, wie ernst es bereits ist.

Wien - Am vergangenen Freitag gingen wieder weltweit Menschen bei Klimastreiks auf die Straße, um für eine klimagerechte Zukunft zu kämpfen. Fünf Mitglieder des Fachkollegiums von Scientists4Future Österreich stellten im Rahmen eines Pressegesprächs klar, woran zu erkennen ist, dass es ernst und dringend ist. Sie riefen dazu auf, die vielen Vorteile
aktiven Handelns beim Klimaschutz ins Zentrum zu stellen, auf diese zu bauen, statt wegen der Ausmaße der Probleme lieber gleich gar nichts zu tun.

An der Aktualität der Klimafragen besteht nach diesem Katastrophensommer kein Zweifel. Hurrikans in Südostasien, Überflutungen, die auf bröckelnde Infrastruktur treffen, wie gerade im lybischen Darna, Waldbrände in Weltgegenden, in denen solche Ereignisse bislang unbekannt waren wie im Frühsommer in Kanada, aber auch direkt vor unserer Haustüre: Hagelunwetter in Kärnten und Teilen Niederösterreichs und dazu kommen die Folgen von Starkregen. In Kärnten wurden bis Anfang August 80 Erdrutsche gezählt, 280 in der Steiermark, ebenso dramatische Situationen kennen wir aus Slowenien. Damit nicht genug. Ein riesiger Erdrutsch in Hörbranz in Vorarlberg, das Ende der Gletscher
der Ostalpen in Sicht, sie schmelzen rascher als prognostiziert, die Liste ließe sich, bedauerlicherweise, leicht verlängern. Eines ist fix: Durch die Klimakrise werden Extremwetterereignisse häufiger und intensiver. Die Extremwetterereignisse dieses Sommers passen in dieses Bild.

Die ebenso dramatische Biodiversitätskrise verläuft leiser, ist aber aus Expert:innensicht ebenso dramatisch. Einmal ausgestorbene Arten sind unwiederbringlich verloren, invasive Arten gefährden nicht nur Ökosysteme, sondern auch die menschliche Gesundheit, man denke nur an Allergien und giftige Tiere und Pflanzen.

Seit 2019 haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der ganzen Welt, wie auch in Österreich organisiert, um als “Scientists4Future” ihre Expertise öffentlich zugänglich zu machen und damit den berechtigten Forderungen der “Fridays4Future”-Bewegung Nachdruck zu verleihen.

Die Expert:innen erläutern die Situation:

Die Auswirkungen des Klimawandels werden sich in Zukunft verstärken. Bereits bei der bis heute verursachten Erwärmung von 1,1°C im globalen Durchschnitt kommt es zu weitreichenden Folgen für Ökosysteme, Ernährung, Wasserversorgung, Energiesysteme, Infrastrukturen und die menschliche Gesundheit. Mit jeder weiteren zusätzlichen Erwärmung steigen die Risiken und damit verbundene Schäden und Verluste für Natur, Wirtschaft und Gesellschaft markant an. Abschätzungen für Österreich gehen von einer Verdrei- bis Versechsfachung der durchschnittlichen Schadenskosten bis in die 2050er Jahren aus. Klimafolgen pflanzen sich zudem über Ländergrenzen fort – die grenzüberschreitenden Klimaschäden tragen wesentlich zu den Klimaschäden Österreichs bei.

Klimawandelanpassung hilft, ist aber nicht die alleinige Lösung: Anpassung an den Klimawandel - in Form von Hitzeschutzplänen, Hochwasserschutz, Frühwarnsystemen etc. - findet bereits statt, aber nicht im erforderlichen Umfang und mit der nötigen Geschwindigkeit. „Mit fortschreitendem Klimawandel nimmt die Lücke zwischen erforderlicher und möglicher Anpassung zu, denn viele Anpassungsoptionen benötigen Wasser und Fläche - beides Faktoren, die in einem heißeren Klima knapp werden.”, sagt Birgit Bednar-Friedl. Klimawandelanpassung stößt zunehmend auch an finanzielle und physiologische Grenzen, speziell für besonders gefährdete Gruppen.

Während die Klimapolitik in Österreich in den letzten drei Jahrzehnten praktisch nur durch EU- Vorgaben weiterentwickelt wurde und dabei die Emissionen nicht strukturell gesenkt wurden, konnten in der aktuellen Legislaturperiode erstmals wirksamere Maßnahmen von der österreichischen Bundesregierung implementiert werden. "Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz, das Klimaticket und die Einführung einer CO2-Bepreisung in Kombination mit dem Klimabonus waren wichtige erste Schritte hin zur Klimaneutralität“, sagt Daniel Huppmann. „Gleichzeitig fehlt ein Klimaschutzgesetz, um die Emissionsreduktionen quer über alle Sektoren zu koordinieren und um langfristige Planungssicherheit für die Transformation zu geben“. Auch die erneute Verzögerung des Erneuerbaren-Wärme-Gesetzes ist problematisch, weil damit der unabdingbare regulatorische Rahmen für den notwendigen Umbau
hin zu klimafreundlichen Heiz-Systemen fehlt.

Der unlängst in Begutachtung geschickte Entwurf des „Nationalen Energie- und Klimaplans“ (NEKP) zeigt deutlich, dass die österreichische Bundesregierung vom selbstgesetzten Ziel „Klimaneutralität bis 2040“ sowie von den EU-Zielen bis 2030 weit entfernt ist. (vgl. Stellungnahme des CCCA am Ende des Texts). Daher ist es dringend notwendig, die Geschwindigkeit beim Erneuerbaren-Ausbau, insbesondere bei der Widmung von Flächen für Windkraftanlagen, zu beschleunigen und damit die Abhängigkeit von importierter, fossiler Energie zu reduzieren.

Das „Sorgenkind“ der österreichischen Klimapolitik ist der Autoverkehr, denn in diesem Sektor sind die Emissionen seit 1990 um 55% gestiegen. „Um die Klimazielsetzungen zu erreichen, brauchen wir aktive Klimapolitik im Verkehrssektor, die schnell wirksam ist“, sagt Stefanie Peer. Sowohl steuerliche Maßnahmen als auch regulatorische Ansätze wie Maximalgeschwindigkeits-Reduktionen (Tempo 100) oder Auto-Limitierung in Innenstädten („autofreie Städte“) sind effektive Schritte hin zu einer klimafreundlichen Mobilitätswende.

In Zukunft sollen Städte und Dörfer so gestaltet werden, dass Alltagswege möglichst kurz sind und vorzugsweise zu Fuß, mit dem Rad oder dem öffentlichen Verkehr zurückgelegt werden können. In Kombination mit der Reduktion von Hitzeinseln in den Städten durch Entsiegelung und Begrünung genießen diese Maßnahmen auch hohe soziale Akzeptanz. “Das Nichtstun hat ganz klare Kosten, die wir als Gesellschaft tragen werden, in der Form von Strafzahlungen für das Nichterfüllen der Klimaziele und/oder durch überhöhte und ineffektive Subventionen und Investitionen“, sagt Stefanie Peer. „Aus diesen Gründen sollten wir möglichst schnell ins Tun kommen.”

Wenn wir unser Wohlbefinden in Österreich weiter gewährleisten und erhöhen wollen, so ist gezielte und wirksame Klimapolitik dafür fundamental. Nur damit können wir ein Anwachsen der Extremereignisse eindämmen. Klimaökonom Karl Steininger erläutert: “Pro Euro Investition in Klimaschutz werden die Klimaschäden um 10 bis 20 Euro verringert. Es gibt wenige Investitionen sonst mit so hohem return on investment.” Und unmittelbar steigt die Lebensqualität - durch Lebensraum, den wir in dicht besiedelten Gebieten zurückgewinnen von früheren PKW-Parkflächen, durch eine
gesündere Umwelt, durch mehr aktive Bewegung und Gesundheitsvorteile daraus, oder durch geringere Gesamtkosten in Netto-Null-Energiehäusern. Wer da noch wartet ist selbst schuld – und versäumt den Anschluss, was für ein exportorientiertes Land besonders schwere Folgen hätte. Schlicht: TUN – wie daher eine Initiative der emissionsintensiven Unternehmen Vorarlbergs sich nennt, und daran arbeitet ein ehrliches netto-Null schon bis 2030 zu erreichen.

Wie der Weltklimarat heuer im Synthesebericht klar festhält: Es gibt eine Reihe von machbaren, wirksamen und kostengünstigen Optionen, um die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren und sich an den Klimawandel anzupassen. Die Durchsetzung wirksamer und gerechter Klimaschutzmaßnahmen in diesem Jahrzehnt wird nicht nur die Verluste und Schäden für Ökosysteme und Menschen verringern, sondern auch weitergehende Vorteile bringen, für Österreich in Lebensqualität, Gesundheit und verringerten Aufwendungen für das tägliche Leben.

Zu den Wissenschafter:innen

Dr. Birgit Bednar-Friedl ist Assoziierte Professorin an der Universität Graz und Ko-Sprecherin des Profilbereichs Climate Change Graz. Sie war koordinierende Leitautorin des 6. Sachstandsberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zum Thema Klimawandelfolgen und Anpassung in Europa und wirkte als Autorin am IPCC Synthesebericht 2023 mit.

Dr. Daniel Huppmann ist ‚Senior Research Scholar‘ am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Szenarien und Transformationspfaden zur Erreichung der Ziele des Pariser Klima-Abkommens im Kontext der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) der Vereinten Nationen. Er war einer der Autoren des „Sonderberichts 1,5°C globale Erwärmung“ des Weltklimarats (IPCC). Derzeit ist er Co-Chair des Zweiten Österreichischen Sachstandsberichts zum Klimawandel (AAR2), an dem etwa 150 Wissenschafter:innen beteiligt sind und der im Sommer 2025 veröffentlicht werden wird.

Stefanie Peer, PhD ist Assoziierte Professorin am Department für Sozioökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und leitet dort auch das Forschungsinstitut für Raum- und Immobilienwirtschaft. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit Nachhaltigkeitsthemen im Transportbereich. Im Rahmen des zweiten österreichischen Sachstandsberichts zum Klimawandel (AAR2) koordiniert sie die Kapitel zum Personen- und Güterverkehr sowie zur Transportinfrastruktur.

Dr. Karl Steininger ist Professor für Klimaökonomik und Nachhaltige Transition. Er leitet das Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz und erforscht als Klimaökonom die Auswirkungen des Klimawandels sowie die Maßnahmen zur Emissionsminderung. Er ist Mitherausgeber des ersten österr. Sachstandsberichts zum Klimawandel und Projektleiter des Special Reports "Strukturen für ein Klimafreundliches Leben" des Austrian Panel on Climate Change (APCC). Er leitet die Österreichische Monitoring-Gruppe Klimaübereinkommen und Verkehr und ist in
wissenschaftlichen Beiräten, u.a. des Österreichischen Produktivitätsrats, des Exzellenzclusters Klima der Universität Hamburg, sowie des Modell Steiermark.

Dr. Verena Winiwarter war bis zu ihrer Pensionierung Professorin für Umweltgeschichte an den Universitäten Klagenfurt und BOKU Wien. Sie ist Ko-Koordinatorin des Fachkollegiums von S4F Österreich, Mitglied der S4F-Arbeitsgruppe Militär, Konflikt, Klimakrise und wirkliches Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und wurde 2013 zur Wissenschaftlerin des Jahres gewählt.

Mehr Info: SCIENTIST FOR FUTURE


Artikel Online geschaltet von: / Doris Holler /