Bild: © W.Pucher- oekonews / Bewegung macht Sinn

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Chronische Krankheit Übergewicht bedroht Gesundheitssystem und Gesellschaft

29.1.2016
ÖAIE fordert sofortige Umsetzung präventiver Maßnahmen im Kindes- und Jugendalter

Übergewicht zählt zu den größten gesundheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Bereits jetzt sterben EU-weit jährlich 2,8 Millionen an den Folgen, die Zahl der erkrankten Kinder stieg zuletzt auf bis zu 16 Millionen an und 7 Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit Adipositas. Während andere europäische Länder die Appelle der WHO und EU ernst nehmen und bereits nationale Präventionsprogramme starteten, geschah in Österreich in den vergangenen Jahren so gut wie nichts. Das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) forderte in einer Pressekonferenz am 28. Jänner in Wien die gesundheitspolitisch Verantwortlichen dazu auf, vier konkrete Schritte im Kampf gegen die weitere Ausbreitung der Adipositas-Epidemie zu setzen.

Übergewicht ist bereits bei Kindern eine chronische Krankheit – Folgeerkrankungen können Gesundheitssystem zum Kippen bringen

Eine jüngst publizierte Stellungnahme der Childhood Obesity Task Force der EASO (European Association for the Study of Obesity) stellte klar, dass Übergewicht bereits im Kindesalter eine chronische Erkrankung ist und als eine der größten Gesundheitsherausforderungen des 21. Jahrhunderts gesehen werden muss. Bereits jetzt sind in Europa 12 bis 16 Millionen Kinder übergewichtig. „Ohne therapeutische und präventive Maßnahmen wird diese Zahl weiter rasant zunehmen“, warnte Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des ÖAIE. „Folgeerkrankungen wie Diabetes, Gelenksprobleme, psychische Diskriminierung und Herzkreislauf-Erkrankungen bringen öffentliche Gesundheitssysteme an den Rand der Finanzierbarkeit“, so Widhalm.

Ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung Hauptursachen – Appelle der WHO und EU blieben in Österreich bislang ungehört

Ungesunde Ernährung und mangelnde körperliche Aktivität sind die Hauptursachen für die Adipositas-Epidemie. Einer aktuellen OECD Studie zu Folge essen nur 1/3 der Mädchen und 1/4 der Buben wenigstens ein Stück Obst pro Tag. „In Österreich, Finnland, Norwegen und Spanien nimmt zudem die physikalische Aktivität der Jugendlichen im Alter von 11 bis 15 Jahren um 50 Prozent ab,“ erläuterte Prof. Dr. Norbert Bachl, Direktor des Österreichischen Instituts für Sportmedizin (ÖSIM). „Zu wenige Sportplätze sowie verstärkter TV- und IT-Konsum sind hierfür die wesentlichen Risikofaktoren.“

Die WHO appelliert ebenso wie die EU in ihrem „Action Plan on Childhood Obesity 2014-2020“ schon seit langem an die Regierungen, das Problem des steigenden Übergewichts ernst zu nehmen und Gegenmaßnahmen zu setzen: „Die Vorschläge liegen auf dem Tisch: von Werberestriktionen, über Eingriffe in die Preisgestaltung gesunder bzw. ungesunder Produkte bis hin zu Investitionen in Forschung und seriöse Evaluierung. Geschehen ist in Österreich von all dem jedoch noch nichts!“, warf Widhalm den gesundheitspolitisch Verantwortlichen jahrelange Untätigkeit vor.

ÖAIE fordert sofortige Umsetzung von Maßnahmen zur Eindämmung des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen

Im Rahmen der Pressekonferenz forderte das ÖAIE die gesundheitspolitisch Verantwortlichen in Österreich auf, das Problem des steigenden Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen endlich ernst zu nehmen und folgende dringend notwendige Schritte zu setzen:

Auswertung und Herausgabe der Schularztdaten zu Größe und Gewicht der Schulkinder als verlässliche Daten für Forschung und Evaluierung der Maßnahmen
Ausbildung von Gesundheitspersonal an Schulen, insbesondere auf dem Gebiet der Kinder-Adipositas
Entwicklung und Umsetzung evaluierter Therapie- und Präventionsprogramme gegen Übergewicht, die gleichzeitig untergewichtige Kinder nicht in die Anorexie treiben; Finanzierung dieser Programme durch das öffentliche Gesundheitssystem
Finanzierung von Forschungseinrichtungen

Rückendeckung in seinen Forderungen erhielt das ÖAIE vom Österreichischen Herzfonds, dessen Ehrenpräsident Prof. Dr. Konrad Steinbach erklärte: „Das Kindesalter ist ein einzigartiges Fenster, in dem der Einfluss auf die spätere Gesundheit und somit auf die Verhütung von Krankheiten möglich ist.“ Auch aus ökonomischer Sicht rentieren sich Investitionen in die Prävention klar: Eine Intervention bei Kindern würde für das Gesundheitssystem einen Return of Investment von 6 bis 10 Prozent ausmachen.

Intervention wirkt – Präventionsprogramm EDDY zeigt auf, wie der Lebensstil von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflusst werden kann

Dass Prävention bei Kindern und Jugendlichen wirkt, belegt das bis dato österreichweit einzige evaluierte Präventionsprogramm EDDY (Effect of sports and diet trainings to prevent obesity and secondary diseases and to influence young children´s lifestyle), das vom ÖAIE über zwei Jahre an Wiener Schulen durchgeführt und vom Österreichischen Herzfonds und dem österreichischen Lebensmittelhändler Hofer im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsinitiative „Projekt 2020“ gefördert wurde. Gezielte Interventionsmaßnahmen durch Expertinnen und Experten konnten das Ernährungswissen wie auch das Ernährungsverhalten von Schulkindern nachhaltig verbessern. So verzehren diese Kinder nach zwei Jahren regelmäßiger Schulungen auffallend weniger Süßigkeiten und Fast Food.

Puncto Steigerung der körperlichen Aktivität – neben dem Ernährungsverhalten die zweite wichtige Säule in der Prävention von Übergewicht – offenbarte das Programm EDDY massive Mängel unseres Schulsystems und der Schulinfrastruktur. So sind an manchen Wiener Schulen zu wenige ausgebildete Sportlehrerinnen und Sportlehrer vorhanden, dazu sind die Turnsäle zu klein, Möglichkeiten zur Bewegung im Freien fehlen und es gibt keine getrennten Umkleide- und Duschräume für Burschen und Mädchen. „Körperliche Aktivität ist essentiell in der Prävention von Übergewicht. Daher müssen diese Restriktionen so rasch wie möglich beseitigt werden, damit geschultes Personal mit Kindern an deren körperlichen Fitness arbeiten kann,“ sagte Widhalm. „Die tägliche Bewegungseinheit für Kinder ist ein Muss“, bekräftigte auch Bachl.

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Das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) wurde 1996 auf Initiative des damaligen Präsidenten der Ärztekammer, Prim. Dr. Michael Neumann, mit dem Ziel gegründet, Ärzte im Fach der Ernährungsmedizin fortzubilden. Das ÖAIE ist interdisziplinär ausgerichtet und vereint unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm Experten aus den Bereichen der Medizin, Psychologie, Ernährungswissenschaften, Diätologie, Sportwissenschaften und Nahrungsmittelproduktion. Als führende Fortbildungs- und Forschungs-Institution für Ernährungsmedizin in Österreich richtet es regelmäßig wissenschaftliche Veranstaltung aus und publiziert vierteljährlich das "Journal für Ernährungsmedizin". Weitere Informationen unter: www.oeaie.org

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