© Raiffeisenleasing Willi Denk
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Intelligente Mobilität in urbanen Räumen - ein Gewinn für alle

Raiffeisen-Leasing Kamingespräch: Wie wird die Mobilität der Zukunft, eingedenk der bereits bestehenden Ressourcenverknappung und ambitionierten Klimaschutzziele, aussehen?

Kaum ein Gebrauchsartikel ist so emotional aufgeladen wie das eigene Auto.
Jede Beschränkung, die einen Komfortverlust oder auch nur dessen theoretische Möglichkeit nach sich ziehen könnte, führt zu heftiger Ablehnung. Stattdessen werden auch im städtischen Bereich immer mehr Autos pro Haushalt gezählt, dazu kommen hunderttausende tägliche Einpendler. Durch die Zersiedelung des ländlichen Raumes wird sich dieser Strom noch verstärken. Ein Phänomen, das alle Großstädte der Welt betrifft. Das aktuelle Kamingespräch, initiiert von der Raiffeisen-Leasing, widmete sich dieser Thematik aber im besonderen in der heimischen Metropole und lud dazu die Wiener Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung, Mag.a Maria Vassilakou, zu einem Gedankenaustausch in das kürzlich eröffnete Sofitel Vienna Stephansdom. 150 Besucher verfolgten gespannt die Diskussion zwischen Mag. Peter Engert, Geschäftsführer und Sprecher der Raiffeisen-Leasing und der grünen Vizebürgermeisterin, die vom Journalisten Peter Rabl moderiert wurde.

Mit der Frage nach dem Umsetzungsstand der grünen verkehrspolitischen Visionen startete Rabl gleich in die Diskussion. Für Vassilakou sind vor allem die Ereignisse der vergangenen Monate - wie zum Beispiel Fukushima - fast eine glückliche Fügung: "Wir brauchen eine Trendwende im Denken und Handeln, und jetzt endlich zerbricht man sich in allen Großstädten den Kopf. Es gibt drei Problemfelder: die Zersiedelung der Umlandgemeinden, sprich Pendlerproblematik, den Klimawandel und die Energieversorgung, wobei eines mit dem anderen zusammenhängt. Drei Fragen stellen sich daher für mich: Muss man ein Auto besitzen? Nicht unbedingt, wenn man Car-Sharing stärker propagiert!

Braucht jeder einen eigenen Garten? Nein, wenn das Wohnumfeld genügend Grün- und Erholungsland bietet! Welche smarte Technologie leitet die Trendwende ein, ohne den Aufschwung der Wirtschaft abzuwürgen und die Finanzen der Kommunen noch mehr zu belasten? Für mich ist es der forcierte Ausbau Erneuerbarer Energien."

"Eine Verbesserung der Verkehrsbilanz ist mit der Elektromobilität sehr rasch zu realisieren", entgegnete Engert. "Es gibt bereits jetzt attraktive Angebote an Firmenkunden und Private. Doch viele Automobilhersteller haben die Tendenz, Neuentwicklungen hinauszuzögern, damit sich die bereits bestehenden Produktionsstraßen amortisieren. Wir müssen daher Druck machen, damit die Produzenten schneller neue Modelle entwickeln."

Wien wird in den nächsten Jahren die 2-Millionen-Einwohnergrenze überspringen. Für Vassilakou als Verkehrsstadträtin ist der neue Stadtteil Aspern eine einmalige Herausforderung, ein ganzes Stadtviertel so zu planen, dass die Abhängigkeit vom eigenen Auto reduziert wird. "Car-Sharing und Elektromobilität werden bereits in die Planung integriert. Beispielsweise soll jeder Parkplatz in den Garagen als Stromtankstelle nutzbar sein."

Engert ist davon überzeugt, dass das Auto in zehn Jahren mit heutigen Maßstäben nicht mehr vergleichbar ist. "Die Frage ist: wie schnell ändert sich das Bewusstsein der Konsumenten? Mobilität ohne Komfortverlust ist der einzig gangbare Weg, um den Umstieg attraktiv zu machen. Wir setzen auf Anreizsysteme, zum Beispiel Förderungen, nicht auf Verbote, wie es den Grünen - Stichwort Verknappung - vorschwebt."

Für Rabl fokussiert sich die Entscheidung auf die simple Frage, wie erreiche ich am schnellsten mein Ziel. Und er stellt die provokante Frage an Vassilakou: "Wenn man den Verkehr nicht attraktiver machen kann, muss man dann das Auto fahren unattraktiv machen?"

"Ich will die Menschen dazu gewinnen, selbst umzudenken", konterte Vassilakou. "Von A nach B zu kommen ist oft schwierig in Wien, wo es zudem viele Pendler gibt, denen keine Alternativen zum Auto geboten werden. So hat sich unter anderem das Verkehrsaufkommen aus Mödling in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Da sind sowohl Wien, Niederösterreich als auch der Bund gefordert. Eine S-Bahn mit 15-Minuten-Intervallen würde hier eine große Entlastung bringen. In der Stadt geht es oft schneller, sich auf das Rad zu schwingen als mit dem Auto zu fahren, zumal der Stau ja mittlerweile ein ständiger Begleiter geworden ist. Trotzdem werden die Autos in der Stadt immer mehr. Die Frage ist: wie kann ich kostengünstiger, sauberer und schneller vorankommen?"

Engert verweist auf die Positivbeispiele Salzburg Stadt und Eisenstadt. In Salzburg kann die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel mit Fahrrädern und E-Bikes kombiniert werden. In Eisenstadt, derzeit noch in der Konzeptionsphase, werden neue Wohnbauanlagen gleich für 'Elektromobilität on demand' ausgestattet. Rabl verweist auf die unterschiedliche Förderungspraxis in den Ländern, so gibt das Land Niederösterreich für den Umstieg auf E-Bike & Co. doppelt so viel Geld aus als Wien.

"Die Förderungen für E-Bikes wurden bereits verdoppelt, zudem sei der Fairness wegen erwähnt, dass die Regierung erst seit sechs Monaten im Amt ist", wehrt sich Vassilakou gegen Vergleiche. Das Fahrrad bleibt für die Politikerin das Stadtfahrzeug der Zukunft schlechthin. "In Wien gibt es mittlerweile 1.700 km Radweg, aber natürlich gibt es auch Lücken, deshalb widmen wir uns einem Lückenschlussprogramm. Das Bessere ist der Feind des Guten: In Sevilla ist innerhalb eines Jahres ein Radwegenetz aus dem Boden gestampft worden, wodurch die Nutzung von null auf fünf Prozent gestiegen ist. Klingt nach einer beeindruckenden Bilanz, aber wir sprechen da von rund 70 km, und auch die Qualität der hiesigen Radwege, auf denen auch Ältere und Kinder unterwegs sein können, kann man sicher nicht vergleichen."

Wien ist durch die Krise hoch verschuldet, wirft Rabl ein. Trotzdem sei eine Erweiterung des U-Bahnnetzes für viele die einzig sinnvolle Option. Dazu Vassilakou: "Ich bin gegen diese Fixierung auf die U-Bahn, deren Ausbau unglaublich viel Geld kosten würde, im Gegensatz zur S-Bahn. Straßenbahnen kosten überhaupt nur einen Bruchteil davon. Was spricht eigentlich gegen ein Metrosystem mit überlangen Bussen?"

"Die Busspur wird mit Sicherheit den Individualverkehr beschränken, weil wahrscheinlich eine Spur geopfert werden wird", folgert Engert. "Was spricht dagegen, dem Beispiel anderer Metropolen zu folgen und die Busspur auch für Elektrofahrzeuge freizugeben?"

Vassilkou machte aus ihrer Einstellung zum Individualverkehr kein Geheimnis und erklärt freimütig: "Auch ein Elektroauto ist ein Auto, es befördert allzu oft nur eine einzige Person. Der Individualverkehr soll nicht bevorzugt werden, beispielsweise durch die Nutzung der Busspur. Es würde auch unser System konterkarieren. Die Ampelregelung 'Vorfahrt für Busse' wäre weg, und alles steht wieder im Stau. Mit mir wird es sicher keine Freigabe der Busspur für E-Autos geben!"

Vassilakou sieht neben dem Fahrrad das größte Potenzial im Car-Sharing. In kommunalen Fuhrparks und für Taxiunternehmen sind Elektrofahrzeuge für sie durchaus sinnvoll. Hier kann sie sich sogar Förderungen vorstellen, wenn es das Budget zulässt. "Aber meinen persönlichen Bedarf deckt E-Mobility derzeit noch nicht ab, ich schau mir das erst mal an. Inzwischen fahre ich weiterhin mit dem Rad. Witterungsbedingt wohl manchmal auch mit dem eigenen Erdgas-Auto."

"Ich bin ein bisschen traurig, dass es so stockend vorangeht", zeigt sich Engert enttäuscht. "Wenn der Industrie kein Anstoß von politischer Seite gegeben wird, wird sich wenig ändern. Einer muss halt anfangen!" Engert ist überzeugt davon, dass sich trotz blockierender Haltung in der Politik in zehn Jahren schon 200.000 E-Autos auf Österreichs Straßen befinden könnten. Auf eine derartige Hochrechnung lässt Vassilakou sich nicht ein, weil sie dies als reine Zahlenspiele sieht. Für sie liegt die Zukunft in der Verbesserung und Verdichtung des öffentlichen Verkehrs in Randlagen, dem weiteren Ausbau des Radnetzes und einer Bewusstseinsänderung in der Bevölkerung. "Vielleicht kommt es auch einfach dazu, dass sich eine Familie überlegt, ob ein Zweitauto wirklich notwendig ist."

Bei der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde das Gespräch um die politische Dimension erweitert. Vassilakou kündigte eine große Car-Sharing-Aktion der Stadt Wien an, die unmittelbar bevorstehe. Prof. Bernd Lötsch, vormaliger Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien und einer der Wegbereiter der österreichischen Ökologiebewegung, meldete sich aus dem Publikum mit der Sorge, dass die enorme Abhängigkeit von den Energieversorgern dann die Politiker zwingen könnte, auch "Monsterprojekte" durchzuwinken. "Andererseits haben wir bereits sehr früh, nämlich in den 70er-Jahren, die Elektromobilität herbeigesehnt. Als Brückentechnologie ist sie womöglich von entscheidender Bedeutung, um überhaupt den nächsten Schritt setzen zu können.


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