© Walter Vertat
© Walter Vertat

Das wandelnde Mobilitäts-Lexikon

"Wichtig ist, dass man es probiert, um nicht später gefragt zu werden, warum hast du zugeschaut? " Walter Vertat ist unser Held des Monats

Nahezu jede(r), der sich in Wien für nachhaltige Mobilitätsformen einsetzt, wird Walter Vertat sicherlich schon einmal begegnet sein. Mehrmals wöchentlich besucht er mit seinem guten Freund, Rene Bolz, Veranstaltungen zu diesem Thema oder organisiert diese Treffen. Er scheut niemals Diskussionen und ist nie zu schüchtern seine Meinung auch kund zutun. Walter ist ein bodenständiger, wie er sich selbst bezeichnet, "Einfacher Arbeiter", hat aber ein unglaublich breit gefächertes Wissen zu allen Themen der Mobilität, besonders der urbanen Mobilität. Sowohl Walter, als auch Rene sind unsere Helden des Monats. Wir beginnen mit Walter, der oekonews von Beginn an unterstützt hat und bei dem wir uns für sein Engagement in der Zivilgesellschaft hiermit herzlich bedanken wollen.

oekonews: Was hat Dich zu Deinem Engagement motiviert?

Vertat: Das erste negative Erlebnis mit Mobilitätsbauwerken war der Bau der Westautobahn. Die Autobahn vernichtete Teile des Lainzer Tiergartens - ebenso wie eine schöne Au (Auhof).

Damals nahmen die Menschen das im Namen des Fortschritts hin. Als ich aber 1972 den Führerschein machte und selbst ein Auto hatte, hatte ich die negative Seite der Mobilität vergessen. Als 1973 die Erdölkrise einsetzte, begann ich nachzudenken, wie abhängig man eigentlich vom Öl ist.

Ein Jahr später las ich durch Zufall das Buch "Grenzen des Wachstums". Dadurch hatte sich die Sicht der Welt für mich stark verändert.

Da ich ein einfacher Arbeiter war (bin) hatte ich damals keine Kontakte zu Umweltgruppen, aber ich habe die Entwicklungen mit Interesse verfolgt, und
keinen Streit ausgelassen, wenn Umweltgruppen als Idioten hingestellt wurden.

oekonews: Das wünsche ich mir von oekonews:

Vertat: "Dass ihr weiter in dieser Qualität berichtet's und der Versuchung standhält´s, Euch nicht so wie 90% der Zeitungen, durch Inserate bestechen zu lassen. " (Anmerkung der Redaktion: Lieber Walter, das können wir garantieren, denn unsere Redakteure arbeiten per Definition aus genau diesem Grund ehrenamtlich)

oekonews: Dein größter Misserfolg?

Vertat: Wichtig ist, dass man es probiert, um nicht später gefragt zu werden, warum hast du zugeschaut?

oekonews: Deine größten Erfolge?

Vertat: Bei der Zwentendorf-Abstimmung habe ich mit Erfolg versucht, Leute zu überreden, gegen die Atomkraft zu stimmen.

Ich war dann 15 Jahre beim Verein "Fahrgast", wo ich als Mitglied auch ein wenig beigetragen habe, die eine oder andere Sache erfolgreich abzuschließen.

Ich denke, dass es nicht so wichtig ist, wieviel man beiträgt, es ist für jede Gruppe ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man nicht allein ist. Darum sollten auch Leute, die wenig Zeit haben, die Gruppen mit Sympathiebekundung bestärken.

Ich war auch beim Naturschutzbund Mitglied, wo viele Projekte, die Schaden verursacht hätten, erfolgreich verhindert wurden oder aber auch positive Projekte (zB. Wienerwaldbus, Steinhofgründe) umgesetzt wurden.

Außerdem bin ich schon ca. 17 Jahre bei Eurosolar. Die sind sehr erfolgreich dabei, Leute auf die Problematik der Energieversorgung hinzuweisen und ihre Lösungsansätze durch Vorträge aufzuzeigen (jeden 3 Donnerstag im Monat findet der Stammtisch statt).

Mit Unterbrechung bin ich seit Beginn bei der Agenda 21 im Alsergrund beteiligt, wo wir den ersten Carsharingplatz in Österreich (Glasergasse, 9.Bezirk) angeregt haben, der dann von den Bezirksverantwortlichen umgesetzt wurde.

Ebenso wie das Projekt "Leihrad", das zwar zu dieser Zeit, nach der ersten Ankündigung, dann nicht eingeführt wurde. Wir hatten erst versucht, das Projekt im 9. Bezirk durchzusetzen. Der Bezirk stimmte diesem Projekt zu und wir warteten 2 Jahre. Immer wieder wurde die Zusage von der Gemeinde Wien verlängert. Wichtig war aber, dass dieses Thema aktuell blieb, bis man sich entschloss, das Projekt gleich größer umzusetzen (das Bessere ist der Feind von Gutem).

Wichtig war, dass es umgesetzt wurde.

Desweiteren war ich auch bei der Thurnstiegen-Umgestaltung von Anfang an daran beteiligt, diese Stiegen behindertengerecht umzubauen und damit niemanden von der Mobilität auszuschliessen.

In der Agenda 21 bin ich besonders aktiv in der Gruppe "bewußt nachhaltig", wo wir versuchen, die Probleme vernetzt zu sehen und dazu sehr kompetente ReferentInnen einladen, denen wir dankbar sind, dass sie sich zur Verfügung stellen. Diese referieren zu den Themen Energie, Rohstoffen (Dematerialisierung), Ernährung, Verkehr (Raumplanung), Hebung der Qualität des Wohnumfeldes (Stichwort: "Strasse als Vorzimmer zur Wohnung").

Zuletzt habe ich mit Rene Bolz und Karl Dvorak auf eigene Kosten und Zeit eine Umfrage zur nachhaltigen Mobilität ausgearbeitet, im 9. Bezirk verteilt und eingesammelt. Die Rücklaufquote dieser anonymen Befragung übertraf alle Erwartungen. Die von uns grafisch umgestalteten Gassen gefielen den Leuten so gut, dass die Mehrheit für eine autofreie Umgestaltung Ihres Wohnumfelds gestimmt hatten. Details dazu auf: oekonews.at/wienvirtuell.

oekonews: Wünsche an die Politik?

Vertat: Von der Politik wünsche ich mir, das sie die NGOs ernster nimmt, da diese meistens die Probleme bis zu 20 Jahre früher erkennen. Die NGOs sind auch nicht so von der Wirtschaft abhängig, sind also nicht so bestechlich. Nach den Motto: Sie leben nur davon..

oekonews: In kurzen Worten: Deine Ideal-Welt?

Vertat: Eine Welt ohne Hunger und Krieg und Entschleunigung, mehr Zeit für Familien und FreundInnen, leichte Erreichbarkeit der Ziele. Weniger Masse, dafür mehr Qualität.

oekonews: Vielen Dank für das Interview und weiter viel Erfolg.


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