„Das ist wie elf Motorsägen“

Projekt Komet-Hochhaus Teil 2 Verkehrsplaner und ressortzuständige Politiker halten den Lärmzuwachs durch das Komethochhaus für akzeptabel, weil es dort „eh schon so laut ist, dass man den zusätzlichen Lärm nicht mehr hören kann“

Etwa 73 Meter hoch soll der Turm werden, Richtung Westen lehnt er sich an ein klobiges Monument, gemeinsam sollen sie nach vorläufigen Plänen etwa 52.000 Quadratmeter Büroflächen, Einkaufszentren und Hotelzimmer enthalten. Gerade dieser Tage wurde in der Zeitung ‘Der Standard’ von Experten darauf hingewiesen, dass es in Wien schon jetzt zu viele Einkaufszentren gibt, sodass etwa das Gasometer-Zentrum größte Schwierigkeiten hat, Kunden anzuziehen. Auch leerstehende Büroflächen gibt es in großer Zahl.

Eine Tiefgarage unter dem Kometkoloss soll etwa 550 Parkplätze für den zusätzlich erzeugten Verkehr bieten. Das Verkehrsgutachten des Ziviltechnikers Werner Rosinak spricht allerdings von täglich etwa 3400 zusätzlichen KFZ-Fahrten, die durch das Komethochhaus erzeugt werden. Ob sich diese Fahrten geeignet über den Tag verteilen und somit in die Parkgarage passen, oder ob sie ratlos einige Stunden lang auf der Suche nach einem Parkplatz durch die umliegenden Gassen kreisen, wird sich in ein paar Jahren zeigen, falls es nicht gelingt, das Projekt doch noch zu verhindern.

Bezirksvorsteherin Gabriele Votava gibt sich in Medienberichten jedenfalls mitfühlend: ‘Ich kann die Anrainer verstehen, die Gegend ist jetzt schon sehr verkehrsbelastet. Das ist einfach keine schöne Wohngegend.’ Umso verblüffender ist, dass Votava das Monsterprojekt vehement befürwortet. Ihre Erklärung dafür ist erstaunlich: Die tausenden zusätzlichen Autos würden keinen spürbaren Unterschied zur derzeitigen Verkehrssituation ausmachen, sagt sie unter Berufung auf das Büro Rosinak.

Es wird noch lauter, aber wir merken es nicht? Dieses Rätsel muss gelöst werden. Immerhin beruft sich auch Dr. Anton Würzl, Geschäftsführer der HPD-Holding, am Telefon auf dieses seltsame Phänomen, dass laut Rosinak die Anrainer den zusätzlichen Lärm nicht hören können. Die HPD-Holding ist jene geheimnisvolle Projektentwicklungsgesellschaft, deren Gesellschafter im deutschen Wiesbaden sitzen, und deren Hintermänner bisher weitgehend unklar sind. Sie ist formal der Betreiber und Käufer des neuen Komet-Komplexes. Würzl lehnt eine Finanzierung von Lärmschutzfenstern für Anrainer unter Verweis auf dieses Phänomen des nicht hörbaren Lärmzuwachses ab. Von ihm gibt’s also kein Geld.

Ein Anruf im Büro vom Verkehrsplaner Werner Rosinak soll helfen. Es ist der 21. August 2007. Die Sachbearbeiterin zum Komet-Hochhaus sei in Urlaub, es sei niemand da, der sich auskenne, wird mir gesagt. Später ruft mich doch jemand zurück, der sich auskennt. So wie Herr Würzl ihn zitiert habe, habe Ing. Rosinak es sicher nicht gesagt, wird mir mitgeteilt. Es sei jedoch im Prinzip richtig, dass bei einem derart massiven Lärm, wie er im Bereich Westeinfahrt und Ruckergasse derzeit schon durch die Verkehrsströme herrsche, eine Zunahme um 15 Prozent nicht mehr bemerkt werden könne. Der Grund liege darin, dass bei einem extrem lauten Geräusch eine Steigerung des Lärms nicht wahrnehmbar sei, wenn die Lärmqualität ähnlich sei.

Ich frage überrascht, ob das denn wirklich stimme. Der Experte greift zu einem Beispiel: Wenn irgendwo eine Motorsäge kreischt, hört man es deutlich, wenn eine zweite eingeschaltet wird. Wenn aber elf Motorsägen dröhnen, bemerkt man es meist nicht, wenn zwei oder drei weitere angeworfen werden. - Aha, der Bereich um das Komethochhaus entspricht also den elf Motorsägen, denke ich beunruhigt.

Der Experte betont, dass man sich im Büro der Verkehrsplaner sehr wohl bewusst sei, wie krass die Situation von Lärm und Abgasen in dieser Region sei. Letztlich sei es aber keine Entscheidung seines Büros, sondern eine Entscheidung der Politik, ob an dieser extrem stark befahrenen Kreuzung nun auch noch ein so großes Hochhaus hingebaut wird.

Ich erwähne dann noch das Thema Abgase und Feinstaub. Anrainer mit älteren Holzfenstern finden zwischen den Doppelfenstern und sogar im Zimmer hauchfeinen Russ, der stetig durch die nicht ganz dichten Fenster dringt. Der besonders gefährliche Ultra-Feinstaub besteht sogar aus so kleinen Partikeln, dass er fast unsichtbar ist und besonders tief in die Lunge eindringt. Der Bau des Komet-Hochhauses und der dadurch erzeugte zusätzliche Verkehr wird in der Region definitiv auch einen Anstieg der Feinstaub-Werte und der anderen Schadstoffe bewirken, bestätigte mir auch der Experte vom Büro Rosinak. Allerdings wird Feinstaub vom Wind vertragen, umso mehr, je feinkörniger er ist. 15 Prozent mehr Verkehr neben dem Hochhaus bewirken daher beim Feinstaub nicht ganz 15 Prozent Zunahme, da eben auch die ganze Region von Meidling und Fünfhaus vom zusätzlichen Feinstaub etwas abbekommen werden.

Auf Initiative der Bürgerinitiative Komet-Gründe (www.bi-kometprojekt.at) haben Greenpeace-Experten kürzlich eine Feinstaub-Messung vor Ort durchgeführt, weitere sind geplant. Es zeigte sich, dass die Werte im Bereich des künftigen Kometkolosses bereits jetzt viel zu hoch sind. Details zu diesem Thema gibt es in einem späteren Oekonews-Artikel.

Die Magistratsabteilung 21B teilte mir kürzlich schriftlich mit, dass dieser Hochhausstandort deshalb so geeignet sei, weil so viele Bus- und U-Bahnlinien in der Nähe seien. Ich muss mich bei den Stadtplanern allerdings noch etwas genauer erkundigen, wie sie das gemeint haben. Warum es dann viele hundert Parkplätze in der Tiefgarage gibt. Und wer von den tausenden Menschen täglich per U-Bahn anreisen wird. Sind es die Touristen, die nicht per Bus anreisen, sondern mit der U6 Koffer schleppend vom Westbahnhof kommen? Oder sind es die Kunden vom Einkaufszentrum, die mit Möbeln, Sportgeräten, Kleidung und ähnlichem bepackt in den Autobus einsteigen werden, weil sie so umweltbewusst sind? Oder ist es die Anlieferung der vielen Waren, die nicht mehr per LKW durchgeführt wird, sondern zu Fuß mit Rollwagerl? Wie blauäugig muss eigentlich ein Stadtplaner sein, wenn er einen Komplex mit 13.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, einem Hotel, zahllosen Büros usw plant und dann den Anrainern erklärt, die Kunden, Lieferanten, Angestellten und Touristen werden vorwiegend mit Öffis hinfahren?

Doch all dies ist erst der Anfang. Die wirklich skurrilen Aspekte dieses Projekts bringt Oekonews demnächst.



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Weitere Infos: Linktipp: Gerd Maiers Homepage - www.gerdmaier.com
GastautorIn: Gerd Maier für oekonews.
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