© Gerd Altmann - pixabay.com
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Stockinger Rede 1980: Ein nützlicher Idiot...

Rede anlässlich einer Demonstration gegen das AKW GUNDREMMINGEN (Bayern, ca. 1980)

Servas die Madeln, servas die Buam!

Vor Euch steht ein ‘Neofaschist, Linksextremist und überhaupt nützlicher Idiot, der sich von Faschisten und Extremisten hat verführen lassen.’ Das muss ja stimmen, weil unser Bundeskanzler KREISKY es gesagt hat. Ein paar Tage vor der Volksabstimmung am 5. November hat er mit diesen Bezeichnungen alle Atomgegner belegt.

5 Monate später, im Verlauf des Unfalles von HARRISBURG sagt sein stv. Parteivorsitzender GRATZ, Bürgermeister von Wien: ‘Harrisburg zeigt die Reife, die das österreichische Volk mit seiner Entscheidung am 5. November bewiesen hat.’ – Seither bin ich doch nicht so ganz sicher, ob Kreisky recht hatte.

Im Jänner 1978 hatte der österreichische Kanzler dezidiert festgestellt: ‘Die Frage Atom ist ganz und gar kein Thema, das sich für eine Volksabstimmung eignet’. Ein halbes Jahr später kündigte er die 1. Volksabstimmung der 2. Republik an – eben über das Thema Atom.

Weitere 4 Monate danach, am 5. November 1978, erfüllte eine Woge der Freude die Herzen der Atomgegner: 50,47 % der Österreicher, die gewählt hatten, hatten die Inbetriebnahme des AKWs Zwentendorf abgelehnt. ‘Mit äußerst knapper Mehrheit ….’, hieß es in den in- und ausländischen Zeitungen. ‘Äußerst knappe Mehrheit’? In der Tat, ja. Doch eine überwältigende Mehrheit, wenn man sich die Dynamik des vorangegangenen Meinungsbildungsprozesses vor Augen hält.

Gleich nach Ankündigung der Abstimmung Ende Juni ergaben offizielle Umfragen, dass ca. 2/3 für, nur 1/3 gegen Zwentendorf stimmen wollten. In vier Monaten gewannen die Atom-Gegner 20 % der Meinungen für sich hinzu. Das zu sagen vergaßen fast alle Kommentare. Ebenso wurde kaum erwähnt, dass dieser nie innerhalb so kurzer Zeit einer politischen Partei geglückte Umschwung mit lächerlichen Mitteln gegenüber dem ‘Pro-Atom-Koloss’ geschafft worden war: gegenüber Regierung, Wirtschaft und Industrie, Gewerkschaftsbund und E-Wirtschaft. Diese gaben in der Abstimmungs-Kampagne über 30 Millionen Schilling aus: mehr, als der österreichische Staat während der 3 Jahre zuvor für die Erforschung von Sonnen-, Wind- und geothermischen Energien zusammen ausgegeben hat!

Der Sieg der österreichischen Atom-Gegner ist natürlich mehreren Faktoren zuzuschreiben. Hervorzuheben hat man:
- das ausdauernde Engagement;
- die Fähigkeit der Atomgegner, die Gegensätze zwischen den opportunistisch agierenden politischen Parteien zu verschärfen und trotz Gegensätzen in den eigenen Reihen zusammenzuhalten;
- als dritter Faktor: sie haben mit Argumenten gekämpft, sie haben in einer ständig anschwellenden Woge von Helfern die Aufklärung nicht in jedes, aber in zahllose kleine Dörfer getragen;
- Sie haben den Humor nicht verloren und auf Gewalt verzichtet. Nicht aus Weichheit, sondern aus Überlegung. Wir haben die Möglichkeit von Gewalt teils in die Überlegungen miteinbezogen: wir fanden aber immer tauglichere Mittel. Die Gewalt besitzt die andere Seite vielfach; unsere Gewalt gäbe nur der anderen Seite den Vorwand, die Übermacht ihrer Gewalt anzuwenden.

Gerade weil wir den geduldigen Weg der hartnäckigen Aufklärung gingen, hatten die Befürworter mit ihren Verkündigungen nur verhältnismäßig geringen Spielraum. So fielen Kreiskys Worte ‘San eh ein lauter Faschisten und Extremisten’ letztlich ihm auf den Kopf.

So konnten die Massenmedien – bis auf die Regierungspresse – manche schüchterner, manche aber immer unerschrockener, immer ‘zivilcouragierter’ unsere Argumente aufgreifen.

Auf dieser Basis konnte es geschehen, dass noch 10 Tage vor dem 5. November jemand der Zeitschrift ‘profil’ eine Studie der Geologischen Bundesanstalt zugänglich machte, die 17 (!) Jahre vor der Öffentlichkeit geheimgehalten worden war: Darin waren Standorte für AKWs in Österreich untersucht worden. Eingeteilt in ‘sehr gut geeignet’, ‘geeignet’, ‘geeignet mit Vorbehalten’ und ‘völlig ungeeignet’.

Zwentendorf nicht in der 1., nicht in der 2., nicht in der 3. Kategorie – sondern in der letzten! 17 Jahre! Man vergleiche dazu Aussagen wie ‘Zwentendorf, das sicherste Atomkraftwerk der Welt’ usw…

Kein Wunder, dass der damalige Chefredakteur von ‘profil’ (P. M. Lingens) in einem Leitartikel feststellte, dass er von allen Journalisten seiner Zeitung als der einzige übriggeblieben war, der noch für Zwentendorf war. ‘Es scheint, als könnten Journalisten, je mehr sie sich mit den Atomkraftwerken beschäftigen, sich gar nicht helfen, immer mehr Argumente gegen die Atomkraft zu entdecken’, schloss er sinngemäß.

Vor dem 5. November 1978 geriet Österreich in Bewegung, in einem Ausmaß, wie ich es nie erlebt hatte. Eine anschwellende Bewegung von immer mehr Menschen guten Willens; Menschen aus allen Bereichen. Besonders aber der Jugend.

Freilich gibt es in Österreich viele Junge, denen vieles oder alles ‘wurscht’ ist. Doch in diesem Abstimmungskampf hat ein unerwartet hoher Prozentsatz von Jungen ihren Willen gezeigt, nicht im Zynismus des Hinter-mir-die-Sintflut zu versinken, den Willen, nicht vor einem aufgezwungenen, zugedachten Schicksal abzudanken; den Willen, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Und dabei dem ‘die Erde fressenden Fortschritt’ den ‘die Erde achtenden Fortschritt’ vorzuziehen. Gegen den Fortschritt, der jeden Tag ca. 20 km² Wald von der Erdoberfläche rasiert!

Günther NENNING, bekannter sozialistischer Publizist und – außer in Sachen Atomenergie – Freund Kreiskys, schrieb am 7. November, 2 Tage nach der Volksabstimmung:

‘Das österreichische Volk hat über seine Regierenden gesiegt. Die Engagierten über die Bürokratisierten, die Hungerleider über die Geldsäcke, der gesunde Menschenverstand über die Besserwisserei der Experten.’

– Geholfen haben uns dabei unsere Freunde aus dem Ausland, die früher als die Österreicher mit Atomprojekten konfrontiert waren: geholfen haben uns unter anderem der Kampf der Badisch-Rheinischen Bürgerinitiativen gegen das AKW Wyhl am Rhein, der kritische Dokumentarfilm ‘Leben mit der Atomenergie’ aus der Schweiz, der damals ungemein starke Widerstand gegen die zivile wie militärische Atomnutzung in… Frankreich. Deshalb ist unsere österreichische, unsere Salzburger Delegation heute auch hierher zur Demonstration gegen einen 2. Reaktorblock am bayerischen Standort Gundremmingen gekommen.

Und - dessen radioaktive Abgaben schon aus dem ‘Normalbetrieb’ landen auch in der Donau: schon von Gundremmingen Block 1 findet man sie zum Teil in der ‘schönen blauen Donau’ Österreichs wieder…


Heinz Stockinger,

Salzburger Komitee der Initiative Österreichischer AKW-Gegner
(heute www.plage.at )

Dieser Text erschien ähnlich im Buch ‘Kein Kernkraftwerk in Zwentendorf’ im Verlag ‘Bibliothek der Provinz’ und anlässlich des Jahrestages der Zwentendorf Volksabstimmung 1978 auch am 11.11.2016 in einer tschechischen Übersetzung von Hana Jílková (Verein Sonne und Freiheit) auf unter
http://denikreferendum.cz/clanek/24086-proslov-u-prilezitosti-demonstrace-proti-jaderne-elektrarne-gundremmingen


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