© @kohlekapern / Blockade des Stadtwerkegeländes in Flensburg
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Kohle kapern!

Blockade beim Steinkohlekraftwerk in Flensburg

Flensburg –Am Samstag früh blockierte eine Gruppe engagierter Menschen das Gelände der Stadtwerke Flensburg, auf dem Fernwärme und Strom hauptsächlich durch das Verbrennen von Steinkohle und Erdgas erzeugt werden. Die Aktion steht unter dem Namen Kohle kapern!. Mit Bannern und Flaggen besetzten sie die beiden Kräne des Anlegers und das offene Kghlelager, um gegen die ökologischen und sozialen Folgen der fossilen Brennstoffe zu protestieren. Zeitgleich finden an verschiedensten Orten Aktionen unter dem Motto deCOALonize! statt, von denen sie sich inspirieren ließen – unter anderem am Hamburger Hafen.

Nach Angaben des Unternehmens kommt die eingesetzte Steinkohle ausschließlich aus Russland. Es ist eines der erklärten Ziele der Aktivist*innen, auf die Situation in den dortigen Abbaugebieten aufmerksam zu machen und die an der Lieferkette beteiligten Firmen zur Verantwortung zu ziehen. Die nach Zentraleuropa importierte Steinkohle stammt zum größten Teil aus der Region Kuzbass im Süden Sibiriens. Dort wird die Steinkohle aus dem Berg gesprengt, wodurch die Staubbelastung weit über derjenigen anderer Abbaugebiete liegt und in enormen Maße Luft, Boden und Wasser verschmutzt. So ist laut dem Bericht der Rospotrebnadzor von 2013, der offiziellen Verbraucherschutzbehörde Russlands, 93,8% des Wassers in der Region verschmutzt. Darunter leidet vor allem die indigene Gruppe der Schoren, unter denen sich in den vergangenen Jahren vermehrt Widerstand regt. Nachdem die Bewegung 2018 sogar die Genehmigung einer neuen Mine nachträglich verhinderte, kämpft insbesondere die Gruppe Ecodefence aktuell mit heftigen Repressionen des russischen Staates.

An dieser ökologischen und sozialen Zerstörung machen sich nach Meinung der Aktivist*innen die Flensburger Stadtwerke als Steinkohlenutzer mitschuldig. Dort werden ca. 190.000t Steinkohle im Jahr verbrannt, um Fernwärme für den regionalen und Strom für den bundesweiten Verbrauch zu produzieren. Daneben setzt das Unternehmen vor allem auf den Wechsel zu Erdgas. So sollen der bereits gebaute Kessel 12 und der im Bau befindliche Kessel 13 die Kohlekessel ablösen und die Produktion auf Erdgas umstellen. „So viel Kurzsichtigkeit ist für mich absolut unverständlich.“, sagt eine der Aktivist*innen, „Anstatt die Debatten um den Kohleausstieg endlich als letzten Denkzettel für die fossilen Brennstoffe anzuerkennen, werden hier wieder nur wachstumsorientierte Maßnahmen mit der Aussicht auf ein ‚grundsätzlich weiter so‘ als grüne Alternativen verkauft. Von wirklicher Einsicht keine Spur. Gas ist keine Alternative! Es führt zwar bei der Verbrennung zu weniger CO2-Emissionen, aber die gesamte Struktur aus Förderung, Transport und Verarbeitung ist äußerst energieintensiv. Außerdem ist der vermeintliche ‚Strukturwandel‘ von Kohle auf Gas in einigen Jahrzehnten auch wieder für die Katz – Gas wird ebenso ausgehen. Dann ist es auch mit der vielbeschworenen ‚Versorgungssicherheit‘ zu Ende.“.

Was die Aktivist*innen an der lokalen Situation in Flensburg anprangern, geht allerdings über diese hinaus. Das Bündnis deCOALonize! versucht in ihrer Broschüre „Still Burning“ zu belegen, dass die Wertschöpfungsketten der Steinkohle immer noch von kolonialer Struktur seien. Während die schmutzige Primärproduktion aus den sogenannten Industrienationen ausgelagert wurde, blieb der Profit hingegen dort, so das Bündnis. Dies sei ein klares Beispiel für die unmenschlichen Resultate des Wachstumszwangs unseres Wirtschaftssystems: Zur Suche nach neuen Absatzmärkten gezwungen, erschaffe der Kapitalismus Kolonien, Ausbeutung, Umweltzerstörung. Und ebenjene Umweltzerstörung ist ein häufiger Fluchtgrund, wie zum Beispiel eine Oxfam-Studie von 2017 zeigte. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass die Aktivist*innen von Kohle kapern! sich ausdrücklich mit der ebenfalls heute in Flensburg stattfindenden Demonstration der Seebrücke-Bewegung solidarisieren, die sichere Fluchtwege und bedingungslose humanitäre Hilfe fordert.


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