© Jody Davis -pixabay.com / Dürre durch den Klimawandel
© Jody Davis -pixabay.com / Dürre durch den Klimawandel

Landwirtschaft steht vor großem Umbruch

MCC: Bericht des Weltklimarats zeigt großen Veränderungsbedarf, Fehlsteuerung durch EU-Agrarpolitik – und Chancen durch moderne Ernährungstrends.

Berlin - Beim Kampf gegen die Erderwärmung rückt jetzt der Agrarsektor in den Blickpunkt. „Ab sofort ist unmissverständlich klargestellt, dass die bisherigen landwirtschaftlichen Praktiken mit dem 1,5-Grad-Ziel nicht vereinbar sind“, kommentiert Sabine Fuss vom Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) den vom Weltklimarat IPCC veröffentlichten Sonderbericht zur Landnutzung. Laut dem Bericht muss etwa der globale Ackerbau deutlich nachhaltiger werden, also zum Beispiel wesentlich weniger klimaschädliche künstliche Düngemittel einsetzen und über vielfältigere Fruchtfolgen erheblich mehr CO2 im Boden binden.



„Die nationalen Klimaschutzpläne müssen im Bereich Landwirtschaft kurzfristig, also mit erheblicher Wirkung schon vor dem Jahr 2030, verschärft werden“, folgert Fuss, die am MCC die Arbeitsgruppe Nachhaltiges Ressourcenmanagement und globaler Wandel leitet, aus dem neuen Bericht. Sie war eine Leitautorin beim 2018 veröffentlichten IPCC-Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel – also den Bemühungen, die Erderwärmung auf maximal anderthalb Grad über dem Niveau des vorindustriellen Zeitalters zu begrenzen und dadurch Schäden etwa durch Extremwetterereignisse in vertretbaren Grenzen zu halten. „Wenn die rasche Wende in der Landwirtschaft nicht gelingt, die gut ein Fünftel aller Treibhausgas-Emissionen verursacht, kann es zu erbitterten Kämpfen um Landnutzung kommen“, sagt Fuss. „Man muss dann das CO2 in so großem Umfang wieder aus der Atmosphäre entnehmen, beispielsweise durch Aufforstung oder durch Anbau von Biomasse für Bioenergie, dass dies dann auf Kosten anderer Aspekte geht, wie ausreichende Nahrungsmittelversorgung oder auch natürliche Artenvielfalt.“

Nach Einschätzung von Felix Creutzig, dem Leiter der MCC-Arbeitsgruppe Landnutzung, Infrastruktur und Transport, ist der neue IPCC-Bericht politisch betrachtet „ein Weckruf an die EU“. Denn die von Brüssel aus gesteuerte Gemeinschaftliche Agrarpolitik setze systematisch falsche Anreize. „Die proportional zur bewirtschafteten Fläche gewährten Direktzahlungen benachteiligen auf Nachhaltigkeit bedachte Kleinbetriebe im Wettbewerb mit der landwirtschaftlichen Großindustrie.“ Im Jahr 2017 machten diese Zahlungen 69 Prozent des gesamten EU-Agrarhaushalts aus. „Nach den derzeitigen, nicht auf Klimaschutz ausgerichteten Reformplänen der EU-Kommission soll der Anteil bis 2027 sogar auf 73 Prozent steigen.“ Zudem sei das Ordnungsrecht mangelhaft: „Wer gegen gute landwirtschaftliche Praktiken verstößt, hat in der EU nur mit schwachen Sanktionen zu rechnen.“

Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang aber auch Konsumgewohnheiten, sagt Creutzig. Er ist ebenfalls für den IPCC tätig, als Koordinierender Leitautor ist er federführend für das Nachfrage-Kapitel in dem für Juli 2021 erwarteten sechsten umfassenden Sachstandsbericht. „Insbesondere Rindfleisch hat einen sehr großen Fußabdruck an Treibhausgas-Emissionen“, betont der Experte. „Generell schätt der Weltklimarat in seinem neuen Sonderbericht den Einfluss von Lebensstilen auf die Klimabilanz als besonders hoch ein – und damit auch die Chancen durch moderne Ernährungstrends. Zum Beispiel reduziert die sogenannte Mittelmeerdiät, basierend auf Linsen, Erbsen, Gemüse, Olivenöl und etwas Fisch, den Fußabdruck sehr stark und ist gleichzeitig sehr gesund.“ Auch hier könne der Staat zielgerichtet Anreize setzen, etwa bei der Mehrwertsteuer: „Fleisch- und Milchprodukte sollten nicht länger über den ermäßigten Satz von 7 Prozent subventioniert werden.“


Artikel Online geschalten von: / holler /