Die Neue Monte Rosa-Hütte

Energieautarkie in 2900 m Höhe

Das Monte-Rosa-Massiv ist Schauplatz eines der aufsehenerregendsten Bauprojekte Europas: Inmitten von Eis, Schnee und Stein wird hier eine der größten und vor allem technisch herausragendsten Berghütten der Alpen errichtet.

Nichts an diesem Projekt ist gewöhnlich, jeder Schritt ein Experiment. Beginnen wir bei den Projektpartnern: der Schweizer Alpen-Club SAC als Bauherr, dessen Ziel die Errichtung einer gut funktionierenden Hütte für Wanderer und Skitourengeher ist, sowie die ETH Zürich, die ein innovatives, in jeder Hinsicht zukunftweisendes, exemplarisches Projekt realisieren möchte – repräsentativ für die hohe Reputation der Hochschule. Eine weitere Besonderheit ist der Bauplatz: ein Felsen inmitten des Monte-Rosa-Massivs, in eisiger Kälte und enormen Windkräften ausgesetzt, kilometerweit entfernt von jeder Infrastruktur, ohne Straßen, ohne Elektrizität, ohne Wasserversorgung.

Projektentwicklung im offenen System

Das Konzept für die Neue Monte Rosa-Hütte entstand unter Leitung von Dr. Prof. Meinrad K. Eberle und Prof. Andrea Deplazes in einem offenen Prozess an der ETH Zürich, Studio Monte Rosa. Im Rahmen ihres Studiums beteiligten sich seit dem Wintersemester 2003/04 insgesamt 33 Studierende an der Konzeption und Planung des Gebäudes. In einem offenen System standen alle Entwürfe permanent zur Diskussion, wurden vom eigenen Projektteam und Kollegen aus anderen Gruppen kontinuierlich weiterentwickelt. Aus all den unterschiedlichen Entwürfen entschied sich das Projektteam letztlich für dieses, an einen Bergkristall erinnernde Projekt. Für die detaillierte Ausarbeitung des Bauvorhabens hat man interdisziplinäre Zusammenarbeit gesucht und eng mit Fachleuten aus Industrie und Baupraxis kooperiert. Einige dieser Unternehmen – wie Velux – unterstützen dieses außergewöhnliche Projekt nicht nur mit dem Know-how ihrer Experten sondern auch als Sponsor durch die Bereitstellung von Baustoffen.

Jedes Haus ein Kraftwerk

In dieser sensiblen Naturlandschaft aus Fels und Eis, abgeschnitten von jeder Infrastruktur, muss ein Gebäude sich weitgehend selbst mit Energie und Wasser versorgen können. ‘Was heißt Energie in der Sprache der Architektur’, lautet daher eine der zentralen Fragen von Architekt Daniel Ladner, der gemeinsam mit Andrea Deplazes die Projektumsetzung leitet und es im Februar 2009 auf Einladung von Velux und ig Architektur erstmals in Wien vorgestellt hat.

Im konkreten Fall wird das Gebäude selbst zum Kraftwerk. Zur Abtragung der extremen Windlasten wird die Berghütte mit Hilfe einer kreisförmigen Stahlkonstruktion mit zentrisch liegenden Verstrebungen im Gestein verankert. Auf diesem Stahlkern wird eine Holzkonstruktion montiert, die sich nach oben hin ein wenig verjüngt. Um den Druck der Schneelast zu reduzieren, ist die Dachfläche deutlich geneigt. Eine Kaskadentreppe an der Peripherie führt über fünf Stockwerke zu den über dem zentralen Speisesaal liegenden Zimmern. Diese Schlafräume für drei bis acht Personen sind wie Teilsegmente einer polygonalen Kreisstruktur aufgebaut. Die Holzriegelkonstruktion ist im Inneren des Gebäudes nahezu überall sichtbar. Die Außenhaut dagegen wird aus einer Haut mit rohem Aluminium errichtet, dahinter liegt eine 30 cm dicke Dämmschicht. In dieser verblechten Fassade spiegeln sich das Bergmassiv des Monte Rosa und die vorüber-ziehenden Wolken wider. Neben der Form des Gebäudes ist es diese Fassade, die die Assoziation zu einem Bergkristall wachruft.

Alles ist auf energetische Optimierung ausgerichtet. ‘Jeder Schlafraum verfügt über zwei Fenster, die Tageslicht in das Innere dieses äußerst kompakten Gebäudes bringen. Aus wärmetechnischen Gründen wurden eher kleinere Modelle mit besonderes hohem Wärmeschutz gewählt’, erklärt DI Gerhard Maurer, Architekturexperte bei Velux. An der Südfassade und entlang des Stiegenaufganges fällt das Fensterband deutlich großzügiger aus. So ergibt sich die Nutzung der passiven Sonnenenergie in die Raumtiefe und ein Panoramablick über das gewaltige Bergmassiv, der Besuchern den Atem rauben wird.

Ebenfalls an der Südseite wird eine 120 m2 große Photovoltaikanlage montiert, die über eine Speicherbatterie das Gebäude mit Strom versorgt. Ein 60 m2 großer thermischer Kollektor wird ausreichend Warmwasser bereitstellen. ‘Alles in allem ist die Neue Monte Rosa-Hütte zu 90 % energieautark’, betont Ladner. Die restlichen 10 % werden über ein Blockheizkraftwerk auf Basis von Rapsöl bereitgestellt. Aufgrund der extremen Lage könnte auch die Windkraft zur Stromerzeugung genützt werden. Aus Kostengründen hat man diese Möglichkeit vorerst nicht realisiert, die bautechnischen Grundlagen für eine spätere Installation aber bereits vorgesehen. Die Klimatisierung der gesamten Hütte erfolgt über eine automatisierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung. Ladner: ‘Damit lässt sich die Luftfeuchtigkeit im Gebäude besser regeln und die Konstruktion vor Schäden schützen.’

Das gesamte Energiemanagement des Gebäudes wird durch eine »model predictive control« überwacht und gesteuert, die dynamische Randbedingungen wie Wetterprognose und Anzahl der Gäste berücksichtigt. Insgesamt werden die CO2-Emissionen pro Übernachtung im Vergleich zur alten Hütte aus 1895 um mehr als zwei Drittel gesenkt. ‘Auch aus diesem Grund engagiert sich Velux als Sponsor der Neuen Monte Rosa-Hütte’, betont Maurer. Bis 2020 will die Unternehmensgruppe die eigenen CO2-Emissionen um 50 % reduzieren.

Vorfertigung spart Hubschrauberflüge

Mit der Fundierung der Neuen Monte Rosa-Hütte wurde im Sommer 2008 begonnen. Der Stahlkern ist bereits fix verankert. Derzeit bedeckt allerdings Schnee die wohl höchstgelegene Baustelle der Alpen. Im Mai werden die Arbeiten wieder aufgenommen, für Herbst 2009 ist die Einweihung vorgesehen.

Möglich ist diese kurze Bauzeit einzig und allein durch weitgehende Vorfertigung der einzelnen Bauelemente. Der Stahlkern wurde im Tal geschweißt und mittels Hubschrauber an die Einbaustelle transportiert. Nach diesem Modell wird man auch bei der Holzkonstruktion verfahren – und das nicht nur aus Zeitgründen. Der Kostenfaktor spielt eine nicht minder wichtige Rolle. Ein Kubikmeter Beton für diese Baustelle kostet rund 3.300 Schweizer Franken, also rund 2170 Euro. Im Vergleich dazu liegt der Preis für einen Kubikmeter Beton an üblichen Baustellen bei 120 bis 150 Euro. Als drittes Argument für die Vorfertigung führt VELUX-Experte Gerhard Maurer noch das Thema Qualität an: ‘Aufgrund der hohen Anforderungen an die Außenhülle des Gebäudes ist der Einbau der Fenster eine sehr komplexe Aufgabe. Unter den gleichbleibenden klimatischen Bedingungen einer Vorfertigungshalle lässt sich natürlich viel besser arbeiten und viel bessere Einbauqualität herstellen als unter den extremen Wind- und Wetterbedingungen auf 2900 m Seehöhe.’

Nähere Infos unter: www.neuemonterosahuette.ch

Visualisierung: Studio Monte Rosa, Prof. Andrea Deplazes, D-ARCH, ETH Zürich


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