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Berliner Erklärung zu "New Deal for Sustainability"

Im Rahmen des 2. Social Vision Summit haben Franz Alt, Peter Spiegel und Christian Neugebauer die Berliner Erklärung für einen New Deal for Sustainability initiiert. Muhammad Yunus unterstützt die Kernforderung.

Berlin - Franz Alt (Sonnenseite.com, Baden-Baden), Christian Neugebauer (Herausgeber Glocalist Medien, Berlin/Wien) und Peter Spiegel (Leiter des Genisis Instituts, Berlin, und Organisator des Social Vision Summit) veröffentlichten am Rande des VISION SUMMIT 2008 die Berliner Erklärung NEW DEAL FOR SOCIAL BUSINESS - GLOBALER PAKT FÜR NACHHALTIGKEIT.

Prof. Muhammad Yunus (Friedensnobelpreisträger) schloss sich deren Kernforderung sofort an: Mindestens ein Drittel der staatlichen Garantien für die Banken an den Einsatz für Unternehmen der Nachhaltigkeit und des Social Business zu binden.

Ziel der Erklärung ist es, einen konstruktiven Impuls für eine nachhaltige Wirtschaft und Social Business zu bieten. Die Erklärung soll von möglichst vielen Menschen getragen werden und Verbreitung finden.


Die Berliner Erklärung im Wortlaut:

New Deal for Social Business

Globaler Pakt für Nachhaltigkeit

1-Billion-Bürgschaft für Unternehmen für nachhaltige Entwicklung als Einstieg in eine neue Qualität einer globalen ökosozialen Marktwirtschaft

Was sind uns die Banken wert? Und was ist uns der Rest wert, also die Summe aller unserer sozialen und ökologischen Systeme? Die Krise unseres heutigen Bankensystems muss uns diese Frage genau zum jetzigen Zeitpunkt und mit aller Eindringlichkeit stellen lassen. Ansonsten droht uns die Gefahr, dass wir die Entscheidungshoheit über die Richtung unserer kollektiven Zukunftsgestaltung auch weiterhin nicht zurückerlangen, sondern sie ungebrochen viel zu sehr ein Spielball von partikularen Interessen bleibt. Wenn wir nicht jetzt klare Entscheidungen verlangen zu der Frage, welche Art von Investitionen wir bevorzugt wollen, dann ist es vorprogrammiert, dass die sozialen und die ökologischen Systeme in absehbarer Zeit mit gleicher oder noch viel größerer Wucht kollabieren wie jetzt das Bankensystem.

Die Rettung unseres Bankensystems ist uns allein in Deutschland eine halbe Billion Euro wert. Weltweit ist uns diese Rettungsaktion zwei bis drei Billionen wert. Was ist uns die Rettung unserer Ökosysteme und die Rettung vor Hunger und Elend von Milliarden Menschen wert? Die Beantwortung dieser Fragen muss unbedingt zentraler Bestandteil der Antwort sein, wie wir die gegenwärtige Bankenkrise lösen, also welches konkrete Design die damit verbundenen staatlichen Bürgschaften haben. Diese Frage muss Gegenstand der weltweiten öffentlichen Diskussion in den nächsten Wochen sein. Wir schlagen dafür konkret eine Bindung der weltweiten staatlichen Bürgschaften in Höhe von 1 Billion Euro an einen New Deal for Sustainability im Sinne von Social Business vor.

Was meinen wir damit konkret: Ein Drittel bis zur Hälfte der im Rahmen der Bewältigung der Bankenkrise zugesagten staatlichen Garantien sollten nur für Darlehen in Investitionen für eine sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung eingesetzt werden dürfen. Besonderen Vorzug sollten dabei solche Investitionen haben, die zugleich möglichst weitgehend der Definition von Social Business entsprechen.

Der Zweck von Unternehmen, die dem Social-Business-Gedanken folgen, ist nach der Definition von dessen Initiator Muhammad Yunus die Lösung von gesellschaftlichen Problemen. Social-Business- Unternehmen sind dem Dienst für individuellen, gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt im Sinne einer sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung gewidmet und zu diesem Zwek gegründet. Social-Business-Unternehmen arbeiten dabei ebenso wie normale Unternehmen gewinnorientiert, aber der Hauptteil des Gewinns verbleibt im Unternehmen und wird zur Ausweitung von dessen jeweiligem sozialen bzw. ökologischen Zweck eingesetzt. Während eine auf Gier ausgerichtete Ökonomie auf monetäre Gewinnmaximierung setzt, setzt eine Social-Business-Ökonomie auf eine Maximierung des sozialen und ökologischen Gewinns bei gleichzeitig hoher ökonomischer Vernunft.

Wenn es uns gelingt, dass sich als kollektiver Lernprozess aus der jetzigen Krise die Wirtschaftsphilosophie von Social Business durchsetzt, würde dies nicht nur eine völlig neue Qualität ökologischen und sozialen Gewinns freisetzen, sondern auch eine gravierend neue wirtschaftliche Dynamik, die der Gier-orientierten-Ökonomie auch in diesem Punkt weit überlegen ist. Was hat die Social-BusinessÖkonomie bisher an Ergebnissen vorzuweisen, welches Potential liegt in ihr:

• Finanzpolitische Innovationskraft.
Die zu sehr auf Gier orientierte Ökonomie führte weit mehr als zwei Drittel der Menschheit in ein Gefängnis aus Almosen, Sozialhilfe oder unwürdige Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse. In ihr wurde der weitaus größte Teil der Menschheit beispielsweise als kreditunwürdig erklärt und damit von der Chance ausgeschlossen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die Social-Business-Ökonomie kreierte währenddessen ein Bankensystem von inzwischen mehreren Tausend Mikrofinanz institutionen, die bis heute bereits 130 Millionen ‘Kreditunwürdigen’ Kredite gaben und die sie pünktlich zurückzahlten. Rund eine halbe Milliarde Menschen konnten dadurch bereits aus dem Teufelskreis der Armut befreit werden. Das ‘Wirtschaftswunder von unten’ ist in Bangladesh längst eine sehr belastbare Realität geworden. Und das Kleinkreditsystem hat sich als skalierbar auf alle Armutsregionen der Welt erwiesen. Durch die Ausweitung von Kleinkreditsystemen auf alle Menschen, die heute noch keinen Zugang zu fairen Krediten haben, würde die gesamte Weltökonomie immens profitieren.

• Ökologische Innovationskraft.
Die bisher zu sehr auf Gier orientierte Ökonomie hat chronische Probleme, den überlebensentscheidenden ökologischen Erfordernissen gerecht zu werden. Vor allem in den weiten Armutsregionen der Welt bleibt hierfür fast kein Freiraum. Die Social-Business-Ökonomie kreierte währenddessen durch ‘Grameen Shakti’ beispielsweise ein System, das Armutshaushalte mit ausreichend Solarenergie versorgt – ohne Subventionen von außen und zu Tarifen, die weit unter dem liegen, was die Armen bisher für Energie bezahlen mussten. Auch das Grameen-Shakti-System für so genannte Solar Home Systems ist skalierbar auf nahezu alle Armutshaushalte weltweit. Durch die Förderung von ökologischen Innovationen und Investitionen zu einer auch ökologisch nachhaltigen Entwicklung der heute noch zwei Drittel Armen der Welt bekäme die ökologische Wende der Weltwirtschaft einen entscheidenden Schub.

• Weltwirtschaftliche Innovationskraft.
Immer mehr mittelständische bis große Unternehmen erkennen derzeit, dass die Zukunft der Weltwirtschaft und ihre eigene Zukunft in der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen für die heute noch wenig oder nicht entwickelten Märkte in den bisherigen Armutsregionen der Welt liegt. Immer mehr Social Joint Ventures wie jenes zwischen Grameen und Danone entstehen aus diesem Grund. Gerade exportorientierte Ökonomien wie die deutsche wachsen in der Zukunft vor allem entsprechend ihrer Leistung für die globale Überwindung der Armut. Ökologische und soziale Joint Ventures würden den heutigen Armutsregionen und den heutigen Wohlstandsregionen gleichzeitig entscheidende neue Impulse geben.

• Innerbetriebliche Innovationskraft.
Selbst innerhalb der Rahmenbedingungen einer zu sehr auf Gier hin orientierten Ökonomie erweisen sich immer mehr gerade jene Unternehmen als die erfolgreichsten, die ihre Mitarbeiter besser behandeln als ihre Konkurrenten. Auch hier erweist sich Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit als Antrieb für individuelle und gemeinschaftliche Leistungen der Gier weit überlegen. Solche Unternehmen sind gesellschaftlich nützlicher, ökonomisch profitabler und individuell sinnerfüllender und damit bereichernder. Bei der Vergabe von Krediten, die durch staatliche Garantien abgesichert werden, sollten solche Kriterien eines ökologisch und sozial nachhaltigen Wirtschaftens eine zunehmende Rolle spielen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erwies sich die Soziale Marktwirtschaft als ein höchst wirkungsvoller und belastbarer Turbo eines großen Wirtschaftswunders. Verantwortlich für die Sicherstellung des Sozialen war hier vor allem der Staat. Die Social-Business-Ökonomie bedeutet demgegenüber ein neues Paradigma. In ihr sind nach wie vor klare, von der Gesellschaft und unserer staatlichen Gemeinschaft bestimmte Rahmenbedingungen unabdingbar. Aber das Soziale ist hier nicht mehr so sehr eine staatliche Ausgleichsleistung, sondern unmittelbarer Leistungsantrieb für die Menschen in ihrer ökonomischen Tätigkeit. Überall dort, wo sich bisher die neue Social-Business-Ökonomie entfaltete, werden immer neue Zusammenhänge zwischen individueller Sinnhaftigkeit und sozialer Qualität und Nachhaltigkeit auf der einen Seite und ökonomischem Erfolg auf der anderen Seite entdeckt.

Die Social-Business-Ökonomie ist nicht nur in jeder – auch wirtschaftlicher – Hinsicht die wesentlich bessere Ökonomie als eine Gier-Ökonomie. Sie ist zugleich auch die wesentlich sozialere Marktwirtschaft im Vergleich zur bisherigen Sozialen Marktwirtschaft. Sie ist eine Soziale Marktwirtschaft einer höheren Ordnung. In ihr wird nicht nur der Staat, sondern werden wir sozialer, weil wir dies als persönlich und ökonomisch weitaus intelligenter, nachhaltiger und sinn-reicher erkennen.

Berlin, den 2. November 2008

Initiatoren
Dr. Peter Spiegel (Genisis-Institut, Berlin)
Dr. Franz Alt (Sonnenseite.com)
Dr. Christian Neugebauer (Glocalist Medien)

Unterstützungerklärungen, Anregungen und Feedback können an jeden der 3 Initiiatoren gesandt werden:


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