© Michael Sigmund
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Wie können Reststoffe aus der Land- und Forstwirtschaft weiter genutzt werden?

Kaskadennutzung: EU-Projekt AgriForValor liefert gute Beispiele

25 gute Beispiele für die marktfähige Verwertung der Reststoffe und 48 gute Beispiele aus der Forschung werden gezeigt.

Unter Federführung des Steinbeis-Europa-Zentrums verfolgt das EU-Projekt AGRIFORVALOR das Ziel, Reststoffe - definiert als Nebenströme, Rückstände oder Abfallprodukte aus der land- und forstwirtschaftlichen Produktion - in einer Kaskadennutzung weiter zu verwerten. Damit soll der Aufbau einer neuen Bioökonomie - Bioökonomie 2.0, die nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion steht, in Europa vorangebracht werden.

Um dies zu erreichen, sollen Innovationspartnerschaften die Lücke zwischen Forschung und Innovation schließen. Die 16 Projektpartner bestehen aus Vertretern von Praktikern aus der Land- und Forstwirtschaft, Experten aus Forschung und Lehre sowie KMU der Bioindustrie.

In drei ‘Biomasse-Innovation Design Hubs’ in Andalusien (Spanien), Ungarn und Irland begleiten und unterstützen Hubmanager Maßnahmen zur Verwertung bestimmter Reststoffe in Form von z.B. bedarfsorientierten Trainings und zur Umsetzung neuer Geschäftsideen in Form von z.B. individuellen Mentoring & Coachings. AGRIFORVALOR liefert als Katalysator und Moderator neue kommerzielle Möglichkeiten für die Land- und Forstwirtschaft auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene.

In den ersten Monaten beschäftigten sich die Projektpartner der Universität Gent (Belgien) und der Universität Stichting Dienst Landbouwkundig Onderzoek (Niederlande) mit Hilfe der Hubmanger und Partnern aus den verschiedenen Pilotregionen mit der Recherche nach Forschungs- und Entwicklungsergebnissen von angewandten Techniken bzw. Prozessen, die eine neue Art der Weiterverarbeitung und Verwertung von Reststoffen der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Produktion ermöglichen. Neben Forschungs- und Entwicklungsergebnissen aus den Pilotregionen wurden auch EU-weite Ergebnisse untersucht. Parallel dazu wurden gute Praktiken in den Pilotregionen aber auch in der EU gesucht, die beschreiben, wie bereits erfolgreich mit Reststoffen Geld verdient werden kann.

Die Ergebnisse wurden nun in einer interaktiven Datenbank – dem so genannten ‘Side-stream Valley Tool’ - auf der Projektwebseite veröffentlicht. Die Datenbank ermöglicht eine Kontaktaufnahme mit den entsprechenden Projekten bzw. federführenden Organisationen.

Ergebnisse:
Die Projektpartner haben 48 gute Beispiele aus der Forschung zusammengestellt. Diese Beispiele stammen aus den Gebieten/Hubs in Ungarn, Spanien, Irland und weiteren europäischen und nicht-europäischen Ländern. Dabei konzentrierten sich die Forschungsarbeiten auf die Themen Lebensmittel, Futtermittel, Düngemittel, Kraftstoffe sowie Feinchemikalien/ funktionelle Materialien.

Die Mehrzahl der Forschungsergebnisse widmen sich der Kaskadennutzung von Biomasse Reststoffen:

1) Verwendung als Düngemittel und Lebensmittel / Futtermittel
2) Verwendung als Lebensmittel und Funktionelle Materialien (z.B. als Biopolymer)
3) Verwendung als Lebensmittel und Feinchemikalie (z.B. Hydroxytyrosol)
4) Verwendung als (Fein-) Chemikalie und funktionelle Materialien für die Herstellung von Geräten und Formen
5)Verwendung zur Energieerzeugung und als Düngemittel
6) Verwendung als Feinchemikalie und Düngemittel

Auffallend war, dass sich die Hälfte der auf landwirtschaftliche Reststoffe basierenden Forschungsergebnisse (15 von 30) zur Herstellung von Lebens-/Futtermitteln (z.B. Zucker, Fasern, Proteine, Farbstoffe) bezogen.

Die Forschungsergebnisse im Bereich der kombinierten Nutzung landwirtschaftlicher und forstwirtschaftlicher Reststoffe lagen hauptsächlich im Bereich der Energieanwendung (Biogas, Wärme, Dampf, Bio-Öl) (7 von 10).

Im Bereich der rein forstwirtschaftlichen reststoff-bezogenen Forschung wurden Techniken identifiziert, die sich mehrheitlich mit der Verwendung als funktionelle Materialien / Feinchemikalien befassen (wie Isolationsmaterial, Aktivkohle, Ethanol, Lignin und Glucose) (4 von 9).

Es ist festzustellen, dass die Forschung von Reststoffen in letzter Zeit einen verstärkten Fokus auf Techniken legt, die einen niedrigen Technologischen Reifegrad (TRL<6) haben, dafür aber eine höhere Werthaltigkeit im Sinne der Kaskadennutzung versprechen (z.B. Nutzung als Biopolymere) als Ersatz zu fossilen Ausgangsstoffen. Forschungen mit relativ hohem Reifegrad (TRL>6) zielen hauptsächlich auf die Nutzung von Reststoffen als Energiequelle ab, insbesondere als Biogas aber auch als Bio-Kraftstoffe.

Ungarn

Der ungarische Forschungsschwerpunkt für Biomasse-Reststoffe liegt auf der Auf- und Wiederverwertung von landwirtschaftlichen Abfällen wie Pflanzenreste (aus Mais, Weizen, Raps, Zuckerrüben) und Tierdung (z.B. von Geflügel und Kaninchen). Die Biomasse-Reststoffe werden in erster Linie zur Herstellung von Brennstoffen (z. B. Biogas und Bio-Öl) verwendet. Als Nebenprodukte fallen hauptsächlich Düngemittel und funktionelle Materialien oder Feinchemikalien an.

Andalusien (Spanien)

Die meisten Forschungsergebnisse befassen sich mit der Verwertung von Oliven-Reststoffen (aus Olivenkernen, Olivenblättern, Olivenbaumschnitt) und der Verwendung von Ernterückständen (z.B. aus Gemüse, Zuckerrüben, Hülsenfrüchten) und Tierdung. Oliven-Reststoffe finden Verwertung für Lebensmittel, Futtermittel, Düngemittel, Kraftstoffe sowie Feinchemikalien/ funktionelle Materialien. Aus den Ernterückständen lassen sich Brennstoff, Dünger, funktionelle Materialien und Feinchemikalien herstellen. Die Verwertung von Tierdung (z.B. von Kühen und Schweinen) und landwirtschaftlichen Industrieabwässern ist als Treibstoffe und Düngemittel möglich.

Irland

In Irland liegt der Schwerpunkt auf der Erforschung von forstwirtschaftlichen Reststoffen. Reststoffe aus der holzverarbeitenden Industrie (z. B. Sägemehl, Holzabfälle, Holzspäne) werden hauptsächlich für die Treibstoffproduktion verwendet. Fortwirtschaftliche Reststoffe (z.B. Hackschnitzel, Holzreste und Miscanthus) werden hinsichtlich ihrer höheren Werthaltigkeit in Form der Verwendung als funktionelle Materialien und Feinchemikalien erforscht. Auch Techniken zur Verwertung landwirtschaftlicher Reststoffe werden erforscht. Dieses erfolgt jedoch meistens in Kombination mit der Forschung zu forstwirtschaftlichen Reststoffen.

Gute Beispiele für die marktfähige Verwertung

Die Projektpartner haben zudem 25 gute Beispiele für die marktfähige Verwertung der Reststoffe identifiziert und untersucht; elf davon mit landwirtschaftlichen Reststoffen, zwei mit landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Reststoffen und zwölf von rein forstwirtschaftlichen Reststoffen. Die Mehrzahl der guten Beispiele liegt im Bereich der Energieanwendung, einige Beispiele liegen im Bereich der Verwendung als funktionelle Materialien, als Bestandteile für Lebensmittel oder als Düngemittel.

Kontakt am Steinbeis-Europa-Zentrum:
Hartmut Welck, Welck@steinbeis-europa.de

Weitere Informationen:
www.agriforvalor.eu- weitere Informationen

GastautorIn: Anette Mack für oekonews.
Artikel Online geschalten von: / holler /