Bild: © Saint Gobain - Robert Schild  referierte in Graz

Bild: © Saint Gobain - Robert Schild referierte in Graz

Wir brauchen die Demokratisierung des Umweltschutzes

5.3.2016
Robert Schild, Habitat Manager der französischen Saint-Gobain Gruppe, referierte auf der Urban Future Global Conference in Graz über die Verantwortung der Bauwirtschaft

Schon heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, deren Wachstum sich rasant entwickelt. Urbane Zentren mit hoher Bevölkerungsdichte werden gerne als die Orte angesprochen, in denen die Menschen ihre Zukunft und ihr Glück sehen. Viele loben digitalisierte Smart-Cities als die Lebensräume, in denen sich Menschen künftig behaglich fühlen sollen. Thesen und Szenarien, die Robert Schild, Habitat Manager der französischen Saint-Gobain Gruppe, im Rahmen der Urban Future Global Conference in Graz heftig kritisierte.

„Megacities sind widersprüchliche Räume. Durch ihre Dichte, ihren hohen Energiepegel und die Dauerbelastung mit Lärm verursachen sie Stress und Ängste. Andererseits setzen Millionen Menschen alle ihre Hoffnungen auf ein Leben in der Stadt, verlassen ihre ländliche Heimat und ziehen in eine ungewisse Zukunft“, beschreibt Schild die Situation vor allem in weniger entwickelten Ländern. „Der rurale Exodus ist ein Versuch zu überleben, aber Beton wird uns nicht ernähren.“

Die Stadt könne also nur dann eine Lösung sein, wenn sie gleichzeitig die Bedürfnisse des Menschen nach einer gesunden Umgebung erfülle. Der weltweit erkennbare Trend zu Urban Gardening oder Urban Farming kann als deutlicher Indikator dafür gewertet werden, dass Menschen den unmittelbaren Bezug zur Natur brauchen. Aber selbst das ist zu wenig. Menschen müssen wieder mehr mit der Natur leben. Natur darf nicht etwas sein, das am Wochenende besucht wird wie Tiere im Zoo. Um Natur zu erhalten, ist der Ausstieg aus der Verwendung fossiler Energien zwingend erforderlich und seit COP-21 in Paris international beschlossen.

Visionäre in der EU-Politik und bei privaten Bauherren

„Die Bauwirtschaft ist eine Schlüsselbranche, wenn es um die Zukunft des blauen Planeten geht. Denn dort, wo wir viele Ressourcen verbrauchen, können wir auch viele einsparen“, so Schild weiter – und das ist die Bauwirtschaft. Ein schwerer Hemmschuh für eine positive Entwicklung sei die Tatsache, dass Investoren und Bauunternehmungen nach wie vor nach den Prinzipien der Finanzwelt agieren wollen oder müssen. Die Lage der Immobilie und spekulatives Kalkül bestimmen den Preis. Doch ist die Lage oft nur eine Frage des sozialen Status – und der kann sich rasch ändern.

Schild überraschte mit dem Hinweis, dass es zwei Personengruppen gäbe, just keine Baufachleute, die einen enormen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung in ökonomischer, ökologischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht leisten: Das sind zum einen die privaten Bauherren, die als Investor und Nutzer in Personalunion auf ökologisch und vor allem energetisch optimierte Gebäude achten. Sie wollen sich Gebäude mit hohem Wohnkomfort noch viele Jahre leisten können und ihren Kindern später ein Gebäude von hoher Qualität hinterlassen. Die zweite Personengruppe sind die EU-Politiker, die im Greenbook 2001 visionär gefordert haben, ab dem Jahr 2020 nur noch Null-Energiehäuser zu errichten. Diesem Beschluss ist eine weitere, wichtige Entscheidung gefolgt: Als wichtigstes Ergebnis der Klimakonferenz 2015 haben sich in Paris 195 Länder auf den vollständigen Ausstieg aus fossiler Energie geeinigt. „Wenn wir diesen Beschluss weiter denken, bedeutet das, dass wir ab sofort keine Gebäude mehr planen oder bauen dürfen, deren Konditionierung auf fossilen Energieträgern beruht. Denn Gebäude, die wir heute planen und bauen, werden 2050 mit allergrößter Wahrscheinlichkeit noch genutzt werden“, will Schild einen nur logischen und konsequenten Schnitt sehen.

Ein neues Denken braucht Motivation

Ein Fortschreiten in alten Systemen lässt uns die ambitionierten Klimaziele nicht erreichen. Politiker und Umweltschutzorganisationen erkennen immer mehr, dass die Industrie als wichtiger Verbündeter einzubeziehen ist. Sie auszugrenzen und dabei überwiegend mit Verboten und Auflagen zu agieren, hat sich in der Vergangenheit als erfolglose Strategie erwiesen. „Wandel erfordert einen positiven Zugang, erfordert Motivation“, so Schild. „Wir brauchen die Industrie als aktiven Partner, der ökologisch sinnvolle Produkte anbietet. Wir brauchen Konsumenten, die sich von einer „Geiz-ist-geil“-Mentalität verabschieden und nachhaltige Werte schätzen. Und wir brauchen eine Politik, die Anreize für das große Ziel setzt, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu sichern.“ Auf einem geeinten Weg wird man rascher zum Erfolg kommen.

Vor allem aber müsse man erkennen, dass Menschen nicht durch Verzicht alleine für eine neue Lebensweise im Einklang mit der Natur gewonnen werden können, sondern vielmehr durch Sinnstiftung und erlebbaren Komfortgewinn. Menschen wollen nicht sparen, sie wollen gut leben, sich entwickeln und entfalten können. Deshalb geht es im Kern um Lebensqualität und Komfort in einer zwar gebauten, aber CO2-neutralen Umwelt. „Wir müssen in die Motivation kommen“, betont Schild. „Wir brauchen Multi-Komfort für die Masse. Nur wenn viele Menschen einen Vorteil daraus haben, werden wir unser Ziel erreichen. Und nur wenn viele Menschen einen Vorteil daraus haben, ist die Entwicklung auch demokratiepolitisch gerecht.“

Baustoffindustrie als Teil der Lösung

Die Baustoffindustrie hat in den letzten Jahren enorme Investitionen in die Entwicklung neuer Produkte und Technologien getätigt. Allein das Forschungs- und Entwicklungsprogramm der Saint-Gobain Gruppe beträgt jährlich rund 430 Millionen Euro. 3700 Experten arbeiten weltweit in neun Forschungszentren und reichen Jahr für Jahr 350 Patente ein. Ein Viertel aller Saint-Gobain Produkte am Markt wurde in den letzten fünf Jahren entwickelt. „Das Wissen ist in der Architektur und bei den Bauschaffenden vorhanden, es gibt auch viele mutige Entscheidungsträger, die ein Umdenken hin zu menschengerechten Wohnformen auf breiter Ebene einleiten“, fasst Schild zusammen „Wir wollen immer die ganze Welt verändern, aber es ist Zeit, dass wir bei uns selbst beginnen. In den Städten der Zukunft wird sich zeigen, ob die Menschheit im Stande ist, ein lebenswertes Umfeld zu gestalten, oder ob sie sich seelenlosen Smart-City-Technologien unterwirft.“

Artikel teilen:
Artikel Online geschalten von: / holler /

Artikel senden Artikel drucken