Bild: © Umweltinstitut München

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Industrie-Studien verschleiern Krebseffekte von Glyphosat

4.3.2016
BfR und EFSA liefern irreführende Bewertungen

Wien - Glyphosat ist der weltweit am häufigsten eingesetzte Pestizidwirkstoff. Rückstände finden sich in der Umwelt, in Lebensmitteln und im menschlichen Körper. Im März 2015 wurde Glyphosat von der Internationalen Agentur fr Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen eingestuft. In Widerspruch dazu schlugen das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) vor, Glyphosat als nicht krebserregend zu klassifizieren. Damit ebneten sie den Weg fr eine erneute Zulassung. Denn nur Stoffe, die nicht krebserregend sind, dürfen in Europa zugelassen werden. Schon am 7. März 2016 sollen die Mitgliedsstaaten entscheiden.

„Vor diesem Hintergrund analysierte der deutsche Toxikologe Dr. Peter Clausing im Auftrag der österreichischen Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 fnf Studien an Labormäusen, welche von ExpertInnen der WHO und zahlreichen anderen KrebsforscherInnen als eindeutige Krebsbefunde für Glyphosat gewertet werden, wohingegen Monsanto, das BfR und die EFSA diese als Belege für die Abwesenheit eines krebserzeugenden Potentials interpretierten“, erklärt DI Dr. Helmut Burtscher, Umweltchemiker von GLOBAL 2000: „Unsere Analyse brachte schwere Verstöße gegen gültige Richtlinien zur Auswertung von Krebsstudien zutage, welche die Diskrepanz zwischen der Bewertung der WHO einerseits, und Monsanto, dem BfR und der EFSA andererseits hinreichend erklären.“

Fehlerhafte Auswertungen verschleiern Krebs – eine Chronologie

Um eine europäische Wiedergenehmigung von Glyphosat zu erhalten, reichte im Mai 2012 die Monsanto Europe S.A. im Auftrag zahlreicher anderer Pestizidhersteller beim BfR unter anderem fünf Krebsstudien an Musen ein. Monsanto schlussfolgerte, dass Glyphosat kein krebserregendes Potential habe. Doch in vier dieser fünf Studien wurden aufgrund ungeeigneter, nicht OECD-konformer Auswertungen signifikante Krebseffekte verschleiert.

Das BfR verließ sich ursprünglich auf die von Monsanto mitgelieferte statistische Auswertung und erklärte unter Hinweis auf diese Studien im Dezember 2013, dass Glyphosat nicht krebserregend sei. Unter dem Druck der im März 2015 erfolgten WHO-Einstufung als “wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“, musste das BfR die von Monsanto eingereichten Musestudien neu bewerten. Das BfR stellte nun, nach OECD-konformer Auswertung, in allen fünf von der Industrie eingereichten Mäusestudien signifikante dosisabhängige Tumorhäufungen fest, um dann unter Verstoß gegen einschlägige OECD-Leitlinien und Verletzung fundamentaler wissenschaftlicher Prinzipien sämtliche dieser Krebsbefunde als irrelevant und zufallsbedingt zu verwerfen.

Die EFSA übernahm im November 2015 kritiklos diese BfR-Schlussfolgerungen in ihren Bericht. Sie machte damit eine Krebs-Gefahrenabschtäzung, die von 96 ExpertInnen als “wissenschaftlich inakzeptabel“, “fundamental fehlerhaft“ und “in die Irre führend“ qualifiziert wurde, zur wissenschaftlichen Basis für die bevorstehende EU-Abstimmung über Glyphosat.

Risiko für Lymphdrüsenkrebs durch Glyphosat um 50 % erhöht

Für Doz. Dr. Hanns Moshammer, von ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt (GU), beruht die Einschätzung des Krebsrisikos durch die europäischen Zulassungsbehörden auf einer „grob fehlerhaften und wissenschaftlich unredlichen Beurteilung der Fakten: Die von der WHO als valide anerkannten epidemiologischen Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Menschen, die beruflich mit Glyphosat zu tun haben, ein um 50 Prozent höheres individuelles Risiko für Lympdrüsenkrebs haben.
Umgelegt auf die EU würde das bei einer vorsichtigen Schätzung bedeuten, dass bei einer Fortsetzung der Zulassung mit 250 bis 500 Glyphosat-bedingten Neuerkrankungen pro Jahr zu rechnen ist.“

Wissenschaftlicher Betrug bei Monsanto-Studien gerichtsbekannt

„Es erhebt sich der Verdacht, dass europäische Zulassungsbehörden und die Industrie durch die inkorrekte Auswertung von Daten versucht haben, Glyphosat trotz seiner wahrscheinlich beim Menschen krebserzeugenden Wirkung auf dem europäischen Markt zu halten“, sagt Rechtsanwalt Dr. Josef Unterweger, der für GLOBAL 2000 Anzeige bei den Staatsanwaltschaften von Wien und Berlin erstattet: „Es ist unverständlich, wie das BfR die Angaben von Monsanto ohne weiteres übernehmen kann. Monsanto ist schon öfters mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und hat nicht das erste mal
bei Angaben zu Glyphosat falsche Angaben gemacht“.

„Behörden haben im Interesse der Öffentlichkeit zu agieren. Politische EntscheidungsträgerInnen sollten sich darauf verlassen können, dass sie von ihren Behörden wissenschaftlich fundiert und korrekt informiert werden. Bei Glyphosat ist das nicht der Fall.“, sagt Burtscher.

GLOBAL 2000 fordert gemeinsam mit zahlreichen anderen europäischen Organisationen die europäischen Mitgliedsstaaten, insbesondere auch Österreich, auf, sich am 7. März gegen eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat auszusprechen.“

Die Strafanzeigen werden bei den Staatsanwaltschaften von Wien und Berlin eingebracht. Die Anzeige wird mitgetragen von zahlreichen weiteren Organisationen, darunter PAN Europe, PAN U.K., Nature & Progrs Belgique, Gnrations Futures, GeGenklage und WeMove.

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