Bild: © Ulrich Eichelmann RiverWatch

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Energiewende braucht erneuerbare Energien: Müssen Natur- und Umweltschutz zurückstehen?

28.1.2016
Naturschutz und erneuerbare Energien- ein Wiederspruch?

„In Österreich ist die Wasserkraft weitgehend ausgebaut. Weitere Vorhaben sind größtenteils mit schwerwiegenden Eingriffen in die Natur verbunden. Die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie würden unterlaufen. International sind die noch ausbaufähigen Potentiale wesentlich größer, allerdings auch die Dimensionen der Vorhaben und damit auch deren Auswirkungen."

Biomasse soll genutzt werden, um Lebensmittel, Futtermittel, Rohstoffe und Energie (auch Ausgleichsenergie) bereitzustellen. Die Abhängigkeiten von fossilen Rohstoffen sollen reduziert, Innovation und wirtschaftliche Entwicklung gefördert und neue Arbeitsplätze geschaffen werden. In Debatten zur Biomassenutzung ist anderseits von der Gefahr der „Vermaisung“, von Monokulturen, Kahlschlag der Wälder, GVO durch die Hintertür, … zu lesen.“, so Prof. Dr. Reinhold Christian in seiner Einleitung zum Thema des Abends.

Zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer und überaus kompetente Vortragende konnte Christian, Geschäftsführer von Umwelt Management Austria, am 21. Jänner bei der Veranstaltung „Energiewende braucht erneuerbare Energien: Müssen Natur- und Umweltschutz zurückstehen?“ erfreut begrüßen.

Thema des Abends war der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Belange von Natur- und Umweltschutz mit dem Schwerpunkt Wasserkraftwerke sowie Biomasse aus der Forstwirtschaft.

Bau von Wasserkraftwerken in sensiblen Gebieten

Ulrich Eichelmann, RiverWatch, geschäftsführendes Vorstandsmitglied und 2. Vorsitzender, Ökologe und Naturschützer, engagiert sich weltweit gegen den Bau von Wasserkraftwerken in sensiblen Gebieten. Im Dezember 2012 stellte er seinen ersten Film fertig – Climate Crimes – ein Film über den Missbrauch des Klimaschutzes und die Folgen „grüner Energien“ für Natur, Artenvielfalt und Menschen. Nach Engagements in der Türkei („Ilisu“) und Brasilien („Xingu“) ist sein derzeitiger Schwerpunkt der Balkan.

Der Klimaschutz wird nach seiner Erfahrung immer mehr zum Todschlagargument gegen den Naturschutz. Wasserkraft leistet weltweit den größten Beitrag unter den erneuerbaren Energien zur Bereitstellung von Strom. Der Ilisu-Staudamm am Tigris wird dazu führen, dass die ältesten Stätten der Menschheit untergehen bzw. schwer beeinträchtigt werden. Etwa 60.000 Menschen sollen ihre Heimat verlieren und zahlreiche Arten dürften verschwinden, darunter die Leopardenbarbe, eine Fischart, die nur noch im geplanten Staugebiet vorkommt. Im Irak wird es zu Verwüstungen kommen - Grundlagen für die lokale Wirtschaft (Schilf als Baumaterial) und das Leben werden zerstört. Sowohl dort als auch in Brasilien oder auf dem Balkan sind österreichische Firmen an der Zerstörung von weitgehend intakten und schützenswerten Fließgewässern beteiligt. Der Balkan kann derzeit als „Blaues Herz Europas“ für die Natur, aber auch als „Paradies für die Wasserkraftlobby“ bezeichnet werden. 49% aller Wasserkraftneubauprojekte sind dort in Schutzgebieten (!) geplant. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind kleine Wasserkraftwerke nicht notwendigerweise besser als große: In der EU gibt es über 23.000 Wasserkraftwerke. 91% davon sind Kleinwasserkraftwerke (Kraftwerke unter 10 MW), die aber nur 13% zur Strombereitstellung beitragen. In Deutschland ist es ähnlich: von den 7.700 Wasserkraftwerken liefern die größten 400 Kraftwerke 87% des Stroms. Die restlichen 7.300 liefern keine relevante Strommenge, zerstören aber 7.300 mal Flüsse und Bäche.

Es wird nicht zu wenig produziert, es wird zu viel verbraucht.

Eichelmann machte darauf auch aufmerksam, dass Methan 20 bis 30 mal klimaschädlicher als CO2 ist und dieses Gas in Stauseen durch die Verrottung von Bäumen und Nährstoffen unter Sauerstoffabschluss, vorwiegend in Südamerika aber auch in Europa, frei wird. Die Menge entspricht den CO2-Emissionen aus dem weltweiten Flugverkehr.

Nach den Ausführungen des Referenten zu urteilen, fehlen auf dem Balkan Energiekonzepte. „Es braucht Pläne, wo die Energie erzeugt werden soll und wo dies mit dem geringsten Schaden für die Natur erfolgen kann“, war Eichelmann überzeugt. Auch in Mitgliedsstaaten der EU wird EU-Recht (Natura 2000) offenbar nicht wirklich ernst genommen.

„Es wird nicht zu wenig produziert, es wird zu viel verbraucht.“ In diversen Studien wie z.B. ZEFÖ wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Verbrauch reduziert werden muss. Der Fokus der realen Aktivitäten liegt aber in der Erschließung erneuerbarer Energien. Ohne Ausschöpfung der Effizienzpotenziale wird die Energiewende nicht gelingen. Ferner machte Eichelmann darauf aufmerksam, dass der Zwang zum Wirtschaftswachstum überdacht werden muss und dass sich die Gesellschaft letztlich davon lösen muss.

Biomasse aus der Forstwirtschaft in Österreich

Peter Liptay, Österreichischer Biomasse-Verband, Forstassessor, sprach zur Biomasse aus der Forstwirtschaft in Österreich. Er präsentierte zahlreiche Folien zur Energiestatistik und informierte über den Beitrag der Biomasse zur Energieaufbringung in Österreich. Ferner machte er auf die Bedeutung des Waldes und seine vielfältigen Nutzungsfunktionen aufmerksam und auf Gefahren, die sich durch den Klimawandel ergeben.

In Punkto Klimawandel meinte Liptay, dass sich in Zukunft die Bedingungen insbesondere für die Fichte verschlechtern werden und auf für diese Baumart zu trockenen Standorten ein Umbau des Waldes erforderlich sein wird.

Biomasse hat den größten Anteil an erneuerbaren Energien in Österreich. Nach der Aussage von Liptay zu urteilen schlummert im Kleinwald ein großes noch nutzbares Holzpotenzial. Ein Potenzial sieht der Österreichische Biomasse-Verband auch bei Miscanthus, Stroh, Maisspindeln, Landschaftspflegeheu oder Kurzumtriebsflächen, wenn auch nur in geringerem Maße.

Im letzten Teil seines Vortrags machte er darauf aufmerksam, dass Biomassekraftwerke auf Basis von Hackschnitzeln in Zukunft vermehrt als Regelenergiekraftwerke genutzt und fossile Kraftwerke verdrängen sollten. Schon während der Schlägerung im Wald beginnt die kaskadische Nutzung von Holz, die sich bei der Weiterverarbeitung des Holzes in Sägewerken und Holz bearbeitenden Betrieben fortsetzt. Energieholzsortimente fallen überwiegend als Koppel- bzw. Nebenprodukte an. „Holzvorräte nehmen trotz Nutzung zu. Einer der Gründe: Es gibt ein sehr strenges Forstgesetz“, so Liptay.

Diskussion brachte eine enorme Bandbreite an Fragen, Themen sowie Vorschlägen

Die Diskussion mit dem Publikum brachte eine enorme Bandbreite an Fragen, Themen sowie Vorschlägen (Spannungsfeld erneuerbare Energien, Kurzumtriebsflächen, Erschließung der Potenziale im Kleinwald, Biogasanlagen, Natura 2000 Gebiete, Korruption, Anzahl der Wasserkraftwerksprojekte, Berücksichtigung der Meinung von Bürgerinnen und Bürgern bei Planungen, Wirtschaftswachstum, Energiekonzepte, Strombojen, Methan aus Stauseen, …).

Christian unterstrich Aussagen von Eichelmann und machte auf den Folder des Forum Wissenschaft & Umwelt „Wasserkraft - kein Weg aus der Klimakrise!“ aufmerksam. Dieser stellt dar, dass pro erzeugter Kilowattstunde Strom aus Kleinwasserkraftwerken mehr Fließstrecke beansprucht wird als dies bei Großwasserkraftwerken der Fall ist. Er betonte, dass dies allerdings kein Plädoyer für Großwasserkraftwerke sein soll.

Eichelmann berichtete, dass es auf dem Balkan 113 Wasserkraftprojekte in Nationalparken und weitere 133 Projekte in bestehenden Natura 2000 Gebieten gibt, häufig mit westlichen Geldern finanziert und von westlichen Firmen gebaut. „Das ist das Erschreckende, dass selbst „unsere Firmen“ sofort wichtige ökologische Standards über Bord werfen, sobald die Kontrolle etwa durch NGOs wegfällt“, war Eichelmann überzeugt.

Bei Natura 2000 Gebieten kann aber auf EU-Ebene Naturschutz eingeklagt werden, die Möglichkeit nutzen NGOs wie RiverWatch.

Christian ergänzte: „Natura 2000 heißt aber nicht, dass Eingriffe verboten sind. Das Schutzziel darf nicht verletzt werden. Stauseen und Wasserkraftwerke sind in diesem Sinn zu hinterfragen. Christian und Eichelmann betonten, dass allerdings auch bei uns mit „Tricks“ betreffend Natura 2000 und EU-Wasserrahmenrichtlinie gearbeitet wurde, wie etwa das Beispiel „Schwarze Sulm“ zeige.

Christian machte darauf aufmerksam, dass zwischen energetischer und stofflicher Nutzung von Biomasse sowie Nutzung für die Futter- und Lebensmittel ein großes Spannungsfeld besteht.

Liptay stellte dar, dass die Holznutzungen im Kleinwald im Vergleich zu anderen Waldbesitzarten am weitesten hinter dem Zuwachs liegen. Ursachen dafür sind unter anderem schlechte Erschließungen und Desinteresse der Besitzer. Zu den Möglichkeiten der Potenzialerschließung zählt die Beratung der Waldbesitzer mit der Option, dass sich Forstdienstleister komplett um die Waldpflege kümmern sowie der Ausbau des Forstwegenetzes.

Betreffend Kurzumtriebsflächen und der Hinweise aus dem Publikum, dass Österreich bereits jetzt Grundnahrungsmittel zu 50% aus dem Ausland importiert, Supermärkte höchstens 20% inländische Grundnahrungsmittel anbieten, merkte der Referent vom Österreichischen Biomasse-Verband anhand einer Abbildung der Biomasseflüsse in Österreich an, dass sich Biomasse-Importe und –exporte in etwa die Waage halten.

Außerdem erklärte er, dass es derzeit in Österreich nur ca. 1.000 ha Kurzumtriebsflächen gibt und noch Potenzial besteht, ohne Lebensmittel- oder Futtermittelpotenziale zu beschneiden. Die Gefahr der Verödung von Flächen stufte Liptay als gering ein.

Eichelmann war allerdings anderer Meinung: „Kurzumtriebsflächen zerstören ökologisch wertvolle Flächen. Wir müssen darauf achten, wo solche Flächen angelegt werden.“

Auch Biogasanlagen sah Eichelmann kritisch. In seiner Heimatregion benötigen Biogasanlagen eine Fläche von 300 bis 400 ha für den Maisanbau. Die Folgen sind Vermaisung, Verwüstung, Industrialisierung der Landwirtschaft (Neubau von Brücken für die Transporte, …). „Biogasanlagen sind ineffizient und führen zu Landschaftsverbrauch. Dagegen muss man aufstehen.“ Es gibt in der Heimatregion von Eichelmann Fälle, wo Biogasanlagen übergelaufen sind und Flüsse zum „umkippen“ gebracht haben.

Eichelmann unterstrich mit Bezug auf kritische Anmerkungen aus dem Publikum, dass es sich bei den 2.700 Wasserkraftanlagen auf dem Balkan um Neuanlagen handelt. Für die Zahl wurde 2 Jahre lang recherchiert. „Täglich kommen Informationen über den Neubau von Wasserkraftwerken auf dem Balkan. Dort wird der Neubau finanziell stark unterstützt.“

„Beim Ausbau der Wasserkraft geht man in die letzten Bereiche. Allein in Tirol gibt es Verfahren für den Neubau von 60 Wasserkraftwerken. In Niederösterreich handelt es sich beim Kraftwerk Rosenburg nicht um eine Revitalisierung sondern faktisch um einen Neubau.“

Christian verwies dazu auf die Wasserkraftwerksliste des Umweltdachverbandes, die mehr als 200 Projekte aufweist. Tatsächlich dürfte die Zahl noch höher sein. Hinterlegt mit schwarzen Humor sprach der Moderator des Fachdialogs davon, dass die Wachau und der Nationalpark Donau-Auen theoretisch noch Potenzial für den Neubau von Großwasserkraftwerken in Österreich haben. Er verdeutlichte, dass im Land Niederösterreich mit dem wasserwirtschaftlichen Regionalprogramm die Wasserkraft mehr als bisher in Einklang mit Natur- und Gewässerschutz gebracht werden soll. Festgelegt wurden Ausschlussgebiete sowie die Regel, dass keine Wasserkraftwerke mehr errichtet werden sollen, die Ausnahmen nach § 104a WRG erforderlich machen. Allerdings wurden Gebiete mit aktuellen Vorhaben ausgenommen.

Eichelmann betonte, es gebe keine Patentlösung für den Ausgleich von Interessen (Ausbau der erneuerbaren Energien, Naturschutz, Ablehnung von Windenergieanlagen in der Nähe von Häusern, …). Aus seiner Sicht ist der raumplanerische Ansatz für die Bestimmung von Gebieten zur Nutzung erneuerbarer Energien und zum Ausschluss die beste Lösung. „Dies allein ist aber zu wenig. Wir müssen deshalb den Verbrauch in allen Sektoren senken. Dies betrifft nicht nur die Energie. Was brauchen wir für ein sozialverträgliches Leben? Es gibt eine große Diskussion zum Thema weg vom Wachstum. Im Bereich Energie brauchen wir gesamtheitliche Energiekonzepte“, verdeutlichte der Geschäftsführer von RiverWatch.

Zur Diskussion um Bürgerbeteiligung meinte Eichelmann: „Der Kampf der Bürgerinnen und Bürger für den Naturschutz muss unterstützt werden. In Mazedonien ist die Situation besonders schlimm. Fotos von Mitgliedern einer NGO wurden von gleichgeschalteten Medien mit dem Titel „Feinde des Landes“ veröffentlicht. Es konnte nun aber erreicht werden, dass die Weltbank nicht mehr als Financier eines Wasserkraftwerks in einem Naturpark auftritt.

„Es muss auch NGOs geben, die eine Fundamentalposition betreiben. Ohne diese würde es ein Atomkraftwerk in Österreich und ein Donaukraftwerk Hainburg geben. Es ist legitim, wenn Bürger Windenergieanlagen in der Nähe ihres Hauses ablehnen.“

Liptay war der Auffassung, dass zwar die Menschen vor Ort über den Bau von Windenergieanlagen entscheiden sollten, dass wir es uns aber aufgrund des voranschreitenden Klimawandels nicht leisten können, nur aufgrund des „schönen“ Landschaftsbildes in einzelnen Bundesländern komplett auf Windräder zu verzichten. „Wir müssen mit Augenmaß erneuerbare Energien ausbauen und den Energieverbrauch senken. Wir müssen die Energiewende voranbringen!“

Christian berichtete, dass Umwelt Management Austria sich intensiv mit Energiefragen und –konzepten beschäftigt hat. Es wurden im Rahmen der Studie ZEFÖ die Potenziale erneuerbarer Energieträger ermittelt, die ökologisch erschlossen werden können, zum Teil sicherlich sehr optimistisch. Auf alle Fälle muss der Bruttoinlandsverbauch halbiert werden. Die technischen Voraussetzungen dafür gibt es bereits. Probleme auf dem Weg dahin müssen beseitigt werden. Raumordnungsprogramme für die Erschließung der erneuerbaren Energien mit Vorrang- und Ausschlussgebieten und unter Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger sind aus Naturschutzgründen wichtig.

Die großen Probleme weltweit machen Bevölkerungswachstum und steigende Konsumansprüche aus. Unter diesen Gesichtspunkten scheint es schwierig, den Umstieg auf 100% erneuerbare Energien zu ermöglichen.

„Wir schützen die Natur, weil wir diese brauchen. Die Natur braucht uns nicht.“, verdeutlichte der Moderator. „Mit der Natur zerstören wir unsere Lebensgrundlagen.“

Abschließend bedankte sich Christian bei den Referenten und dem Publikum und machte darauf aufmerksam, dass der nächste Fachdialog das Thema „COP21 in Paris und die Folgen“ am 01.03.2016 zum Gegenstand haben wird.

Die Unterlagen zum Fachdialog befinden sich unter: http://www.uma.or.at/fachdialogenergiewende-braucht-erneuerbare-energien-m%C3%BCssen-natur-und-umweltschutz-zur%C3%BCckstehen.html

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