Bild: © Fordesigner

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Wo es im Mittelmeer dröhnt

23.1.2016
Die erste Kartierung von Lärmquellen lässt aufhorchen

Wädenswil - Es ist sehr laut im Mittelmeer. Und dies ausgerechnet in wichtigen Lebensräumen gefährdeter Meerestiere. Zu diesem Schluss gelangen Wissenschaftler aus Frankreich, Italien, der Schweiz und den USA, die mit dem Bericht „Übersicht der Lärm-Hotspots im Mittelmeer“[1] erstmals eine flächendeckende Erhebung zur Dichte lärmintensiver Aktivitäten und eine Kartierung der Lärmquellen vorlegen. Der Bericht umfasst den Zeitraum 2005 bis 2015 und verarbeitet Daten von 1446 Häfen, 228 Ölplattformen, 830 seismischen Explorationsgebieten, 7 Millionen Schiffspositionen, 52 Windfarmprojekten sowie offiziell zugänglichen Angaben zu militärischen Aktivitäten.

Signifikant ist die Zunahme seismischer Aktivitäten, insbesondere zur Suche nach Öl- und Gasvorkommen. Dabei werden sogenannte Schallkanonen eingesetzt, die Explosionen in einer Intensität von bis zu 260 Dezibel zum Meeresboden hin aussenden. Betraf der Einsatz von Schallkanonen im Jahr 2005 noch 3,8% der Oberfläche des Mittelmeeres, waren es 2013 bereits 27%. Die Datenauswertung zeigt auch, dass durchschnittlich zu jedem Zeitpunkt mindestens 1500 Schiffe unterwegs sind, ohne die zahlreichen Freizeitschiffe und Fischerboote vollumfänglich miteinzuberechnen. Angaben zu militärischen Aktivitäten wie Manövern, dem Einsatz mittel- und niederfrequenter Sonarsysteme beim Aufspüren von U-Booten u.a. sind kaum öffentlich zugänglich, wodurch der Datensatz auch in diesem Bereich als Mindestangabe zu deren Vorkommen zu werten ist.

Mit der Kartierung gelingt es den Wissenschaftlern auch, das Überlappen von Lärm-Hotspots mit Gebieten zu identifizieren, die besonders wichtig für akustisch sensible Meeressäugerarten sind und/oder bereits als Schutzzonen ausgewiesen wurden. Zu solchen akut von Lärm betroffenen Kernzonen zählen das Meeressäugerschutzgebiet Pelagos im Ligurischen Meer, die Strasse von Sizilien, Teile des Hellenischen Grabens, aber auch Gewässer zwischen den Balearen und dem spanischen Festland. Das Gefährdungsrisiko für die Tiere ist hier hoch, da sie zahlreichen Lärm- und damit Stressquellen ausgesetzt sind.

Diese Bedrohung hat Spaniens Regierung erkannt. Das spanische Umweltministerium hat kürzlich angekündigt, dass die Gewässer zwischen den Balearen und dem spanischen Festland als Migrationskorridor für Wale und Delphine unter Schutz gestellt werden sollen, was auch ein striktes Management lärmverursachender Aktivitäten zur Folge hätte.

„Der Bericht ist eine erste Grundlage für eine zielgerichtete Entwicklung lärmreduzierender Massnahmen. Er belegt den dringenden Handlungsbedarf, ein transparentes Datenregister anthropogener Lärmquellen im Mittelmeer einzurichten“, sagt Dr. Silvia Frey, Co-Autorin des Berichts und Leiterin Wissenschaft und Bildung bei OceanCare. Die Umsetzung eines solchen Registers ist auch Bestandteil des aktuellen Massnahmenplanes der EU-Meeresrahmenrichtlinie.

„Wir stehen mit diesem Bericht am Anfang einer akustischen Beurteilung des Lebensraums Mittelmeer. Es konnte erst ein räumlich und zeitlich unvollständiger Teil der Lärmquellen identifiziert werden. Und es besteht weiterer wissenschaftlicher Aufklärungsbedarf, wie laut es im Mittelmeer effektiv ist und welche Lärmobergrenze akzeptabel und ungefährlich ist. Trotzdem ist dieser erste Überblick bemerkenswert und das Ausmass der Lärmquellen bedenklich“, erklärt Frey.

„Die vorliegende Kartierung zeigt auch Schwachstellen auf, denn es ist davon auszugehen, dass die Einstufung einiger Gebiete als ‘ruhig‘, insbesondere an der nordafrikanischen Küste, einzig auf mangelnde Datenlage zurückzuführen ist. Gerade die Öl- und Gaskonzerne sowie die Militärs pflegen keinen transparenten Umgang mit Informationen“, ergänzt Nicolas Entrup, Konsulent zu Unterwasserlärm für OceanCare und die US-amerikanische Organisation NRDC.

„Zum ersten Mal haben wir eine grosse räumliche und zeitliche Sicht auf die verschiedenen, oftmals überlappenden menschlichen Aktivitäten, die Unterwasserlärm verursachen und synergistische und kumulative Auswirkungen auf das marine Leben haben. Wir brauchen nun Modelle, um die Schallpegel und die Beschallung aufzuzeigen. Und wir müssen daran denken, dass Arterhaltung auch die Erhaltung der akustischen Qualität der Lebensräume bedeutet“, so Dr. Gianni Pavan, Co-Autor und Professor an der italienischen Universität Pavia.

„Durch Menschen verursachte Lärmquellen scheinen einen sehr grossen Teil des Mittelmeers zu betreffen. Natürlich beeinträchtigen deren Auswirkungen die marine Tierwelt, unabhängig der von Menschen festgesetzten Grenzen. Auch wenn dieser Bericht nicht vollständig ist, weisen die Ergebnisse der Studie darauf hin, dass eine Rahmenverordnung dringend notwendig ist, welche die grenzüberschreitenden Auswirkungen des vom Menschen verursachten Lärms auf die Meeresumwelt berücksichtigt“, ergänzt Alessio Maglio, Co-Autor und Wissenschaftler bei der französischen Umweltberatungsfirma SINAI SAS.

Dr. Manuel Castellote, Co-Autor und Forscher bei der US-amerikanischen Atmosphären- und Ozeanbehörde (NOAA) sagt abschliessend: „Mit diesem Bericht haben wir kaum die Spitze des Eisbergs erfasst, wenn es um das Auftreten von Unterwasserlärm im Mittelmeer geht. Ein wichtiger Faktor ist die grosse Zahl ‚stiller‘ Mittelmeerländer – still beim Informationsaustausch, nicht beim Unterwasserlärm!“

Der Bericht war seitens des Abkommens zum Schutz von Walen und Delphinen im Schwarzen Meer, Mittelmeer und angrenzenden Atlantikgebiet (ACCOBAMS) in Auftrag gegeben worden, um aus den Erkenntnissen Problemzonen identifizieren sowie weiteren wissenschaftlichen Studienbedarf und Schutzmassnahmen ableiten zu können.

[1] Englisches Original: Maglio A., Pavan G., Castellote M., Frey S. (2015). “Overview of the Noise Hotspots in the ACCOBAMS AREA – Part I Mediterranean Sea”. A report prepared for the Agreement on the Conservation of Cetaceans in the Black Sea, Mediterranean Sea and Contiguous Atlantic Area (ACCOBAMS).

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