© stadtradler.at
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Frauen kaufen anders als Männer, auch beim Rad

Forderung an Bau- und Verkehrsplanung, geschlechterspezifische Mobilitätsbedürfnisse zu berücksichtigen

Wien - Neue Untersuchungen belegen, wie sich das Kaufverhalten von Männern und Frauen maßgeblich. Im Handel wird diese Tatsache weitestgehend ignoriert: nur wenige Unternehmen werden den heterogenen Bedürfnissen am POS (Point of Sales) und bei der Vermarktung gerecht. Aber es geht auch anders.

Männer kaufen anders..

Der Kaufprozess des Mannes verläuft tendenziell linear und zielorientiert. ‘Männer betreten oft gut vorbereitet ein Geschäft und erwarten im Verkaufsgespräch entweder neue Zusatzinformationen oder die Bestätigung ihres eigenen Wissens’, erörtert FH-Prof. Dr. Eva-Koban-Röß, MBA, Koordinatorin Fachbereich Marketing FH Campus 02, das männliche Kaufverhalten.

… Frauen auch

Der Einkaufsprozess von Frauen gestaltet sich wesentlich komplexer. Frauen hinterfragen einzelne Schritte in der Entscheidungsfindung, um die perfekte Lösung zu finden. Kundinnen zeigen einen größeren Informationsbedarf während des Einkaufs und erwarten eine ehrliche und persönliche Beratung. Kaufentscheidungen werden nicht immer gleich getroffen und Meinungen von Freunden oder via Internet eingeholt.

‘Der Handel muss auf dieses Verhalten richtig reagieren – die Kundin in dieser Situation auf eine Kaufentscheidung zu drängen, bedeutet meist, sie zu verlieren’, warnt die Marketing-Expertin.

Die geschlechtsspezifischen Gegensätze von Mann und Frau gehen weit über gängige Klischees hinaus: sie würden von biologischen, psychologischen und soziokulturellen Faktoren abhängen sowie auf eine grundbiologische Prägung zurückgehen, so Koban-Röß: der Mann als Jäger und die Frau als Hüterin der Familie.

Handel geht auf Gender-Bedürfnisse nicht ausreichend ein

Besonders die Zielgruppe ‘Frau’ wird künftig weiter stark an Bedeutung gewinnen. Über die Hälfte der österreichischen Bevölkerung sind heute Frauen über 20 Jahre. Obwohl Frauen durchschnittlich über 80% des Haushalts-Einkommens entscheiden, fühlen sich Frauen in den Geschäften oft unzureichend betreut. Unternehmen würden zu wenig auf die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse von Frauen, aber auch Männern eingehen.

Eine Geschäftsatmosphäre, die in Richtung Schönheit und Freude ausgerichtet ist, ist beispielsweise für Frauen wesentlich wichtiger als für Männer, die eher eine funktionale Ladengestaltung erwarten, und wirkt positiv auf die Kaufwahrscheinlichkeit, bestätigen die Studien der FH Campus 02.

Einkaufserfahrung und Kaufentscheidung: rational versus emotional

Mikko Stout, Inhaber und Gründer des Stadtradler, Wiens erstem Hollandrad-Shop, setzt auf eine emotionale Einkaufserfahrung, die im Fahrradhandel meist rational-technisch ausgerichtet ist. ‘Typische Radgeschäfte richten sich an ein männliches Publikum und bieten hauptsächlich eine Fülle an High-Tech-Sporträdern an, obwohl viele urbane Radfahrer und vor allem Frauen ein praktisches Rad für den Alltag suchen. Frauen schätzen eine emotionale Einkausferfahrung, während aber ihre Kaufentscheidung oftmals rationeller als bei Männern ausfällt’, so Stout. Bei Männern würde es sich umgekehrt verhalten: sie bevorzugen eine cool-rationale Einkaufserfahrung, während sie sich bei der Kaufentscheidung eher von emotionalen Kriterien leiten lassen würden. Dreiviertel seiner Kundinnen und Kunden seien Frauen, so Stout.

Das Rad in Österreich: Vom Sportgerät zum Transportmittel

Grundsätzliche Unterschiede ortet Stout auch bei der Einstellung zum Objekt ‘Fahrrad’: Frauen haben oft schon vorher eine klare Vorstellung wie sie ihr Stadtrad benützen wollen, während Männer nicht selten nach einem für die Stadt tauglichem Sportrad verlangen, da das typische Stadtrad mit aufrechtem Sitz und praktischen Details wie z.B. einem Kettenkasten oder Gepäckträger als eher unsportlich gilt. Dennoch scheint es eine Trendwende zu geben: bereits mehr als 50% der männlichen Stadtradler-Kunden entscheiden sich für ein typisches Stadtrad, viele sogar für ein Damenrad mit praktischem tiefen Einstieg. Der Grund liegt in dem zunehmenden Trend, dass Räder nicht nur als Sportgerät, sondern auch als praktisches Transportmittel gesehen werden.

Genderaspekte und Mobilität

Damit einher geht das Bedürfnis von Frauen nach praktischen, zuverlässigen Fahrradmerkmalen wie aufrechte Sitzhaltung, wartungsarmer Betrieb, Schutz vor Schmutz oder der sichere Transport von Taschen für den täglichen Gebrauch des Rades in der Stadt.
Dieses Bedürfnis nach Sicherheit und Praxistauglichkeit ortet auch Dipl.-Ing. Dr. Bente Knoll, Gender-Expertin und Geschäftsführerin Büro für nachhaltige Kompetenz. Knoll forscht u.a. zum Thema ‘Genderaspekte und Mobilität’. Gender, Geschlechterrollen bzw. Geschlechterzuschreibungen wirken in allen Bereichen unserer Gesellschaft – so auch bei der bezahlten Erwerbsarbeit und unbezahlten Haus- und Familienarbeit und den damit in Zusammenhang stehenden Anforderungen an Verkehrssysteme. ‘Gender bedeutet mehr als nur ‘die Frauen’. Es geht um Geschlechterrollen insgesamt mit den entsprechend, oft stereotypen Zuschreibungen und Erwartungen an Frauen und an Männer – an Menschen insgesamt. Geschlecht und weitere Diversitätskategorien, wie Alter, Herkunft, sozialer Status etc. sind immer als miteinander verwobene Dimensionen zu verstehen.’ (Dr. Bente Knoll, Ingenieurin und Gender-Expertin)

‘Besonders Frauen erledigen Betreuungsaufgaben wie z.B. den Weg zum Kindergarten mit dem Fahrrad. Dabei zeigen sich zahlreiche Herausforderungen, von der teilweise mangelhaften Radinfrastruktur über ungenügende Abstellanlagen für Räder und Kinderanhänger bei Kindergärten bis zu unsanierten Gefahrenstellen’, ortet die Expertin Aufholbedarf. ‘Wir fordern die Politik auf, in diesen Bereichen für mehr Sicherheit zu sorgen’, so Knoll. Nach wie vor sind mehrheitlich Frauen mit diesen Betreuungsaufgaben betraut; jedoch sind alle Menschen, Frauen und Männer, die mit Kindern die täglichen Wege zurücklegen mit Mobilitäts-Hürden konfrontiert.

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