Der Drang nach Mobilität
3.2.2010Rede von Bundesrat Moritz Leuenberger am Schweizer Forum Elektromobilität
Das Verkehrshaus zeigt uns die Geschichte der Mobilität. Sie folgt einem einzigen roten Faden, dem steten Drang der Menschen, sich zu bewegen.
Mobilität ist ein Grundbedürfnis des Menschen, ja, es ist geradezu der Sinn menschlichen Daseins.
Das Wort Sinn kommt sprachlich von „sent", Weg, auch eine Fährte suchen, eine Richtung nehmen.
Dabei ging es nicht nur um die Geschwindigkeit, das auch, es ging immer auch um die Art der Bewegung, sei es über Berge, durch das Wasser oder die Luft.
Der Mensch, ganz ohne Flossen und ohne Flügel, musste sich auf seine Intelligenz verlassen, um Wege und Mittel zu finden, seine Bewegungsträume zu verwirklichen.
Er hatte den Traum der Siebenmeilenstiefel und später verwirklichte er ihn mit Velo und Auto.
Es gab den Traum des Ikarus, später verwirklicht durch Hängegleiter und bald durch ein Solarflugzeug, das die Sonne nicht wie bei Ikarus zum Absturz bringt, sondern ihm zum Antrieb dienen wird.
Er träumte den Traum vom Schlaraffenland, wo alle Güter dieser Erde jederzeit zur Verfügung stehen. Heute beschaffen ihm Containerschiffe und die NEAT alle Güter dieser Welt.
Und der Traum, jederzeit überall zu sein, ist heute verwirklicht durch die Telekommunikation - zumindest das Bild und die Stimme.
Wir sehen: Man findet immer einen Weg - es sei denn, das Bundesverwaltungsgericht verbietet ihn. Dann muss man eben einen neuen suchen.
- Der technische Fortschritt, die wirtschaftliche Entwicklung schaffen stets höhere Tempi, zu Lande, zu Wasser, in der Luft und auch virtuell (Breitband-Internet).
- Gewiss können wir darüber nachdenken, ob es denn nicht Grenzen der Mobilität gebe, darüber, was das richtige Tempo sei.
- Gewiss gibt es stets Gegenbewegungen, die Suche nach innen statt nach aussen, Selbstfindung statt Welteroberung, doch die Mehrheit der Menschen sucht die Beschleunigung.
Die Mobilität nachhaltig gestalten
- Doch eine Demokratie will Politiker, die den Drang der Menschen nach ihrem Glück erfüllen, und nicht solche, die ihnen die eigenen Glücksvorstellungen vorschreiben wollen.- Die Politik hat daher die Aufgabe, jedem sein Glück zu ermöglichen.
- Das ist in einem Falle die Ruhe, das ist aber grossmehrheitlich die Bewegung. Heutige Mobilität soll die Freiheit künftiger Generationen nicht beschränken.
- Den Mobilitätsdrang hat die Politik also nachhaltig zu bewältigen, das heisst die Mobilität so zu gestalten, dass sie
sozialverträglich,
wirtschaftsverträglich und
umweltverträglich ist.
- Die Mobilität soll also
allen auf eine gerechte Art möglich und zugänglich sein. Konkret heisst das innerhalb eines Nationalstaates: Der Zusammenhalt der Regionen muss organisiert sein.
* Das war das Argument für das Autobahnnetz und auch für die Netzvariante der NEAT.
* Mitterrand sagte: „Europe se construit par ses infrastuctures." Die Schweiz hilft an dieser Konstruktion mit.
Sie dient als Rückgrat für unseren Wohlstand, weil Wirtschaft, Tourismus und wir alle täglich auf gute Verkehrsinfrastrukturen angewiesen sind.
Und sie soll die Umwelt so weit als möglich schonen:
Sie soll Schadstoffausstoss, Feinstaub, Lärm, Zersiedelung der Landschaft vermeiden,
sie soll die natürlichen Ressourcen schonen,
und so die Klimaerwärmung vermeiden - also auch
das Ruhebedürfnis der Minderheit respektieren.
Ist das nicht die Quadratur des Zirkels?
Ist sie tatsächlich zu schaffen?
Heisst die Antwort auf dieses Kunststück etwa Elektromobilität?
Sind die grossen Hoffnungen in sie berechtigt?
Am ersten Schweizer Forum zur Elektromobilität überwiegen natürlich die Hoffnungszeichen.
Mit der „Charta von Luzern" unterzeichnen Sie eine Absichtserklärung, um die Schweiz in den Pionierstand für Elektromobilität zu schlagen.
„Magna Charta"! Das weckt die Assoziation an die Magna Charta von 1215, welche die grundlegenden politischen Freiheiten gegenüber dem englischen König verbriefte.
Der Kirche wurde die Unabhängigkeit von der Krone garantiert.
Garantiert uns die „Charta von Luzern" die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern?
Es gibt Hoffnungszeichen und es gibt Fragezeichen.
Die Hoffnungszeichen
Die Hoffung besteht vor allem darin, von fossilen Treibstoffen wegzukommen.
- Umweltpolitisch:
Die Worte von Kopenhagen sind uns alle noch im Ohr:
Die fossilen Brennstoffe sind nicht unerschöpflich. Das Angebot geht zur Neige, die Nachfrage steigt stetig.
Es gibt aber auch sonst immer mehr Gründe sich nach neuen Energieressourcen umzusehen:
Der Strassenverkehr verursacht fast 40 % der CO2-Emissionen in der Schweiz und vorläufig steigt sein Anteil.
Klimapolitisch ist eine Reduktion des Schadstoffausstosses unerlässlich, wenn wir unsere CO2-Ziele erreichen wollen.
Die EU hat den CO2-Ausstoss für Neuwagen begrenzt. Die Schweiz wird mit der Teilrevision des CO2-Gesetzes diese Obergrenze von 130g/km ebenfalls verbindlich einführen.
- Stärkung der Unabhängigkeit
Weg vom Öl bedeutet auch weniger Abhängigkeit von den Erdöl produzierenden Staaten.
- Symbolischer Innovationsschub
Der Durchbruch der Elektromobilität könnte ein symbolisches Zeichen sein für den Willen zur Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen.
Elektromobilität kann den Innovationsgeist ankurbeln z.B. bei der Energieeffizienz: Bei den heutigen Autos wird über eine Tonne Masse bewegt, um eine Person von durchschnittlich etwa 80 kg zu transportieren. Neue Materialien, neue Technologien könnten das Gewicht der Fahrzeuge und damit den Energieverbrauch pro Kilometer deutlich reduzieren helfen.
Es ist also eine grosse Hoffnung, wenn Benzin durch Batterien ersetzt wird
Die Fragezeichen
Doch loben wir die Elektromobile nicht gleich in den Himmel. Das E von E-Mobilität steht ja nicht für unschuldige Engelein.
Es gibt zunächst:
- Energiepolitische Fragezeichen:
Der Personen-Wagenpark in der Schweiz umfasst heute rund 4 Mio. Fahrzeuge (2008).
Wenn all diese Autos jetzt elektrisch angetrieben würden, würde der totale Strombedarf in der Schweiz um einen Fünftel zunehmen. Die viel beschworene und phantasievoll beschriebene Stromlücke stellen wir uns gleich noch etwas grausliger und grässlicher vor als in unseren bangsten Albträumen.
Bei den Automobilen ist wie bei Nationalräten und den Bundesräten: In den nächsten zwei Jahren werden kaum sämtliche Bisherigen ersetzt sein, aber ab 2012 kann es schnell gehen.
Die serienreifen Elektromobile, welche Sie hier auf der Bühne sehen, sind die sicheren Kandidaten, um übermorgen die Strassen zu beherrschen.
Bereits heute prägt die wachsende Zahl von Elektrofahrrädern unseren Strassenalltag. Heute sind bereits 30'000 von ihnen unterwegs.
Aus welcher Energie würde die zusätzlich benötigte Elektrizität gewonnen? Wäre das Atomstrom, Wasserkraft, wären es erneuerbare Energien? Oder wäre es importierter Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken?
Falls es Atomstrom ist, bräuchte man rund 1.5 Mal die Leistung von Gösgen.
Wäre es erneuerbare Energie, so wären rund 3200 Windräder oder aber 9300 Solaranlagen nötig (mit je der Grösse des Stade de Suisse in Bern).
Es gibt sodann
- Umweltpolitische Fragezeichen:
Das elektrische Auto wird heute mit Lithium-Ionen-Batterien angetrieben. Diese werden auch in Computern und Handys verwendet. Ihre Produktion und Entsorgung sind jedoch nicht unproblematisch, weil giftige Stoffe anfallen.
Es gibt sogar
- Fragezeichen der geopolitischen Abhängigkeit:
Reichhaltige und gut zugängliche Lithiumvorkommen sind eher selten und auf wenige Regionen in Südamerika und Australien begrenzt.
Welche geopolitischen Auswirkungen hätte es, wenn die Abhängigkeit vom Erdöl (Golfstaaten) auf Lithium verschoben würde (Übersee)?
Und es gibt schliesslich
- Fragezeichen zur Finanzierung von Infrastrukturen
Unsere Strasseninfrastrukturen werden heute aus Treibstoffzöllen finanziert. Es würden dem Bund jährlich rund 3,6 Mrd. CHF für den Bau und Unterhalt der Strassen fehlen, wenn alle Autos mit Strom fahren würden. (Falls auch die Lastwagen auf Elektrizität umgestellt werden, fehlen dem Bund gar 5 Mrd. CHF.)
Viele Probleme der individuellen Mobilität bleiben auch mit Elektrofahrzeugen bestehen:
Raum: Diesen brauchen auch Elektrofahrzeuge. Der Verkehr bleibt damit eine Herausforderung für die Raumplanung. Das Platzbedürfnis wird sogar verstärkt, wenn Elektromobile gefördert werden.
Sicherheit: Der individuelle Verkehr bleibt für seine Teilnehmer (inkl. Fussgänger) eine Gefahr. Unabhängig vom Antrieb. Den Elektromobilen wird sogar vorgeworfen, sie seien zu leise und sie würden daher die Fussgänger überraschen.
Fördern und Leitplanken setzen
Dazu muss die Politik Rahmenbedingungen und Infrastrukturen schaffen, damit sich Hoffnungen erfüllen und Befürchtungen nicht eintreten.
Mit der Erfindung der Benzin-Motoren hat sich das Mobilitätsverhalten der Menschen grundlegend verändert, und auf diese Vorteile wollen die Menschen nicht so ohne weiteres verzichten.
Wir wollen Elektromobilität als Alternative zum Benzinmotor fördern:
o Stromtankstellen organisieren und ermöglichen.
o Finanzielle Anreize für den Kauf von Elektromobilen schaffen.
Wir müssen aber auch Leitplanken setzen:
o Ersatzeinnahmen für Treibstoffzoll, Finanzierung der Infrastrukturen sichern, auch des öV (Mobilitätsabgabe).
Zusätzlichen Strombedarf so organisieren, dass Errungenschaft der E- Mobilität, nämlich CO2-Freiheit bestehen bleibt.
Höhere Anforderungen ans Stromnetz.
Die E Mobilität sollte auch eine Chance sein, neue Verkehrsmodelle zu wagen. Es wäre schade, wenn sie nur gerade bisherige Automodelle durch neue ersetzen würde.
+ Über 50 % der Autofahrten werden heute auf Kurzstrecken von weniger als 5 km gemacht. Nicht für alles braucht es ein Auto. Einiges könnte auch mit dem Elektrovelo oder zu Fuss gemacht werden, das wäre erst noch ein Beitrag zur
Gesundheitsförderung.
+ Kombinationen mit Zugfahrten könnten möglich sein (Transport im Zug und gleich aufladen). Oder das Velo am Bahnhof mieten.
+ Die E-Intelligenz kann auch für Roboter als Fahrer genutzt werden, nicht nur für den Antrieb. Das dient auch der Sicherheit, denn das grösste Risiko im Strassenverkehr ist mittlerweile der Mensch.
Ein Etappensieg in der Geschichte der Mobilität
Das E in E-Mobilität steht also nicht gerade für heilige Engel, aber doch immerhin für eine weitere wichtige Etappe, die unsere fortgeschrittene individuelle Mobilität von der fossilen Abhängigkeit erlösen kann.
Dieser Etappe werden jedoch, und das sollen wir wissen, weitere Etappen folgen.
Neue Technologien, neue Erkenntnisse werden kommen, vielleicht werden auch Gefahren und Nachteile der E- Mobilität entdeckt werden, die wir heute noch gar nicht kennen, so wie das bei den Röntgenstrahlen oder der Nicht-Ionisierenden Strahlung der Fall war.
Wir befinden uns alle immer im gegenwärtigen Irrtum. Künftige Generationen werden es sicher besser wissen.
Aber wir suchen stets unseren Weg. Das ist der Sinn des Lebens, einen besseren Weg zu suchen, das Unmögliche möglich machen wollen, unsere Intelligenz zu benutzen, um unsere Visionen zu erreichen. Immer ist es eine Vision, die uns beflügelt:
- Die Vision einer 2000 Watt Gesellschaft.
- Die Vision Zero in der Verkehrssicherheitspolitik
- Die Vision von Hochleistungsbatterien, die federleicht sind und über unendliche Ladekapazität verfügen.
- oder einer Welt, die ihren Strombedarf hauptsächlich aus erneuerbaren Energien deckt.
Heute sind Träume von Siebenmeilenstiefeln oder einem Vöglein gleich zu fliegen, übertroffen.
Doch noch ist damit ein Albtraum verbunden,
- nämlich die Abhängigkeit vom Erdöl und damit auch
- der CO2-Ausstoss und die Verantwortung für den Klimawandel.
In einem Moment wo Schwellenländer das Billigauto Nano mit Benzinmotor auf den Markt bringen, ist eine CO2- freie Mobilität ein wichtiges und historisches Ziel.
Ich freue mich, dass Sie diese Etappe heute einläuten.
LeserInnen-Kommentare:
E-Mobility kommt!
Der Trend ist eindeutig in Richtung Elektromobilität- das hat was, mit Erneuerbaren Energien fahren - egal ob mit der Bahn oder mit einem E-Fahrzeug!Kommentar von: solartante am 3.2.2010 um 11:24 Uhr
_________
Selbst einen Kommentar verfassen oekonews übernimmt keine Verantwortung und Haftung für die Kommentare.
Artikel Online geschalten von: / holler /
Artikel senden Artikel drucken



