Nawaro baut weltgrößtes Biomasse-Kraftwerk in Penkun

2.12.2006
In Leipzig ging gerade das erste Modul eines modernen, industriell betriebenen Biomasse-Kraftwerks ans Netz.

Die Zukunft stinkt nicht. Die Zukunft hat in Penkun in Mecklenburg-Vorpommern schon begonnen. Dort ging gerade das erste Modul eines modernen, industriell betriebenen Biomasse-Kraftwerks ans Netz. Es ist das Pionier-Projekt einer Firma, die 2005 in Leipzig gegründet wurde und ihren Sitz im Waldstraßenviertel hat: Liviastraße 8. Ein altes, gepflegtes Bürgerhaus mit Blick auf die Bäume des Rosentals. „Leipzig war für uns erste Wahl“, sagt Dr. Balthasar Schramm.

Schramm ist Vorstandsvorsitzender der Nawaro Bioenergie AG und hat als Manager bei Sony gezeigt, wie man neue Produkte im Europa-Geschäft vermarktet. Gemeinsam mit Felix Hess gründete er vor einem Jahr Nawaro, als klar wurde, dass die Bundesregierung ihr Vorhaben tatsächlich wahr machte, auch aus Biomasse gewonnene Energie genauso vergüten zu lassen wie zuvor schon Strom aus Solar- und Windkraftanlagen.

Die Biomasseanlagen mussten nicht neu erfunden werden. Einige kleinere Gemeinden in Deutschland versorgen sich schon heute komplett mit der Energie aus eigenen Anlagen, sind nicht mehr auf die Lieferungen der großen Netzbetreiber angewiesen und haben sich abgekoppelt vom Treiben der Welt-Energie-Märkte. Bislang aber fehlte der entscheidende Schritt: Aus der dörflichen „Kleinproduktion“ eine industrielle Energiegewinnung zu machen.

Das Knowhow brachte Felix Hess mit in die Firma. Sein Fachgebiet ist die Entwicklung industrieller Produktionsabläufe. Und es brauchte kein Jahr, die längst bekannten Technologien serienreif zu machen für eine Großproduktion, deren Schauplatz ab jetzt der deutsche Osten ist. „Das war für uns die Ausgangslage“, sagt Balthasar Schramm. „Wir wollten hierher. Hier ist der Bedarf. Und hier sind auch alle Voraussetzungen, die wir brauchen, zuallererst Produzenten, die in der Lage sind, uns die nötige Biomasse zur Verfügung zu stellen.“

230.000 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche befinden sich im direkten Umkreis des Bioenergieparks „Klarsee“ bei Penkun. „Es war überhaupt kein Problem, in allernächster Nähe Vertragspartner zu binden, die uns langfristig versorgen“, sagt Schramm. „Das ist nicht nur für uns wichtig. Das schafft auch für die Bauern Sicherheit. Die Subventionen der EU schmelzen drstisch ab. Wir bieten den Landwirten eine neue, lukrative Einnahmemöglichkeit, die sich auch rechnet. Dazu kommt allein in Penkun, dass wir dort 50 krisenfeste Arbeitsplätze schaffen können.“

Bis Mitte 2007 sollen 40 genormte Module allein in Penkun ans Netz gehen. Die Netzbetreiber, so Schramm, hätten mit dieser neuen Form alternativer Energiegewinnung nicht mehr die Bauchschmerzen, die Solar- und Windenergie in Deutschland immer zum Problem machen. Wind- und Solarenergie sind wetterabhängig und nicht kalkulierbar. „Die Stromanbieter haben immer das Problem, dass sie für beide Energiearten in gleicher Größenordnung Reserven in konventioneller Energieerzeugung bereit halten müssen. Wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, muss irgendwo ein Kernkraftwerk hochgefahren werden, um die entstehende Lücke aufzufangen. Dieses Problem gibt es mit Bioenergie nicht mehr.“

'BioEnergieParkMit dem Bioenergiepark „Klarsee“ geht erstmals ein Biomassekraftwerk ans Netz, das zuverlässig Strom in industrieller Größenordnung produziert: 20 Megawattstunden werden es sein, wenn Mitte 2007 alle Module laufen. „Damit kann man 46.000 Haushalte versorgen“, sagt Schramm. „Das ist schon eine Kleinstadt. Zehn solcher Energieparks würden ein kleines Kernkraftwerk ersetzen. Sie würden aber auch eine Großstadt wie Leipzig versorgen können.“

Aber auch wenn Nawaro Leipzig zum Firmensitz gemacht hat - sächsische Projekte sind noch Zukunftsvision. Die nächsten Energieparks werden in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Schleswig-Holstein entstehen. Und: Sie werden nicht stinken. „Das ist ebenfalls neu bei unserer Technologie“, so der Vorstandsvorsitzende. „Wir haben es geschafft, einen völlig geschlossenen Stoffkreislauf zu entwickeln, bei dem keine unangenehmen Gerüche entweichen. Was aus der Anlage kommt am Ende, sind klares Wasser und ein Substrat, aus dem man hochwertigen Bio-Depot-Dünger gewinnen kann, der besonders im Bio-Gartenbau gebraucht wird, oder Maisstroh-Pellets, mit denen man dann wieder umweltschonend heizen kann.“

80 Millionen Euro investiert Nawaro in das Projekt in Penkun. „Investitionen übrigens“, so Schramm, „die wir allesamt in der Region vergeben. Auch der Firmensitz der Nawaro BioEnergiePark „Klarsee“ GmbH wird in Penkun sein, genauso wie der des Nawaro BioDüngerWerks „Klarsee“. „Die Steuern werden vor Ort gezahlt. Die Region profitiert also auf allen Ebenen von unserem Projekt“, sagt Schramm. „Und das wollen wir überall so halten. Das ist eine Riesenchance für Gegenden, die sonst immer nur weit vom Schuss liegen.“

Was sich da abzeichnet, ist ein Netz aus vielen kleineren Kraftwerken im ganzen Land, die sich aus den nachwachsenden Rohstoffen vor Ort versorgen. Mindestens 20 Prozent des deutschen Energiebedarfs könnten nach Schätzungen bis 2020 (in anderen Varianten bis 2030) aus Biomasse erzeugt werden.

„Der große Vorteil sind nicht nur die dezentralen Strukturen, die großflächige Stromausfälle dann fast unmöglich machen“, sagt Balthasar Schramm. „Noch viel elementarer ist die Unabhängigkeit von Energieimporten. Denn was vielen Leuten gar nicht bewusst ist, ist doch der hohe Grad an Erpressbarkeit, der bis auf die deutsche Außenpolitik durchschlägt. Wir haben es nicht nur mit ständig steigenden Energiepreisen zu tun, die jedermann in diesem Land zahlen muss. Wir zahlen auch einen hohen politischen Preis dafür, dass wir vom Erdöl aus Nahost und vom russischen Erdgas abhängig sind.“

Nachwachsende Rohstoffe sind eine oft unterschätzte Möglichkeit, die Abhängigkeiten deutlich zu reduzieren. Die kleine, aber emsig wachsende Firma hat sie deshalb auch im Namen: NAchWAchsende ROhstoffe. Mal sehen, wann ihr erster Energiepark vor den Toren Leipzigs entsteht.

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