© Christian Almeder & Initiative Rettet die Lobau
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Im Interview: Die Initiative „Rettet-die-Lobau“

Die Initiative ist "Heldin des Monats". Als Vertreter haben wir Dr. Hertenberger zum Interview geladen. Erschütternde Fakten zur Wiener Politik sind garantiert

© Photo: Rettet-die-Lobau, Hertenberger
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© lobauautobahn.at - Rettet die Lobau
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Was die Initiative besonders auszeichnet ist die gute Zusammenarbeit mit anderen (Lobau-)Initiativen, von denen es ja bekanntlich etliche gibt.

oekonews: Ihr seid eine Gruppe, die sich für den Schutz der Lobau vor Autobahnen einsetzt. Seit wann gibt es Euch?

Hertenberger: Die Initiative wurde im Frühjahr 2003 gegründet. Ich verfolge die Projektplanungen jedoch schon seit Jahren

oekonews: Was für Leute seid Ihr?

Hertenberger: Wir sind eine sehr vielfältige Gruppe – wir haben einen Unternehmensberater, einen Biologen, eine Reitlehrerin, einen Verkehrsexperten, und auch Leute vom IT-Bereich und aus einem Ministerium sind involviert. Uns ist der Erhalt der Lebensqualität in dieser Stadt ein Anliegen, insbesondere der Schutz der Lobau vor der Autobahn.

oekonews: Warum ist die Lobau so schützenswert?

Hertenberger: Die Lobau ist eine Landschaft voller Wunder. Eine Wildnis aus Wald und Wasser, ein Erlebnisraum, wo wir und unsere Kinder noch erleben können, wie großartig früher die Wälder am Donaustrom waren. Hier hat sich ein Refugium für seltene Tier- und Pflanzenarten erhalten. Der Wasserschlauch, eine Pflanze, die kleine Krebschen frisst, die seltene blaue Sibirische Schwertlilie, die beim Biberhaufen eine ganze Wiese bedeckt, See- und Teichrosen in der Panozzalacke. Orchideen, seltene Vögel. Einfach wundervoll. Für die Wienerinnen und Wiener ist es eine Möglichkeit, das Staunen vor der Natur zu erleben. Kinder können erfahren, dass die Faszination der realen Welt vielleicht doch größer ist als jene der Kunstwelten im Computerbildschirm oder Gameboy.

oekonews: Und wo liegt nun das Problem mit der Autobahn?

Hertenberger: Die Stadt Wien verbreitet hier unwahre Angaben, indem sie Zitate aus Studien auswählt und sie dabei aus dem Zusammenhang reisst. Studien, die die Autobahn ablehnen, werden verschwiegen, und die Bevölkerung wird gezielt falsch informiert.

oekonews: Das ist eine gravierende Anschuldigung

Hertenberger: Man muss den Kontext sehen: Hier ist ein riesiges Autobahnnetzwerk geplant, wie es in Österreich seit 1945 nie gebaut wurde: Eine Autobahn von Tschechien durchs Weinviertel (A5), eine Autobahn hinter dem Bisamberg nach Korneuburg (S2), eine Autobahn über Süssenbrunn in den Osten Wiens (S2), die Autobahn-Querung des Nationalparks Donauauen und der Donau nach Schwechat (S1; ‘Lobauautobahn1’), die Südumfahrung von dort nach Vösendorf (S1, in Bau), eine Zweigautobahn vom Flugfeld Aspern nach Westen (A23-neu) mit einem Autobahnknoten beim Flugfeld, eine Autobahn zwischen Nationalpark Donauauen und dem Erholungsstrand Neue Donau (A22-neu, ‘Lobauautobahn2’), weswegen alle Strandlokale weggerissen werden und jahrelang für zehntausende Wiener kein Baden mehr möglich ist, eine Schnellstrasse durchs Marchfeld nach Bratislava (B8-neu), die Spange Kittsee nach Bratislava (Autobahn A6), eine Stelzenautobahn durch die Donauauen bei Traismauer mit Autobahnbrücke (S33-neu), eine Schnellstrasse durch die Au bei Klosterneuburg – man wird ganz schwindlig bei diesem Spinnennetz von Lärm und Abgasen, in das Unsummen unserer Steuergelder hineinverschwinden werden.

oekonews: Seid ihr gegen alle Strassen?

Hertenberger: Strassen und Autos werden immer eine wichtige Funktion haben. Lokale Umfahrungen sind o.k. Aber fast alle seriösen, unabhängigen Studien warnen, dass der Bau dieser vielen Autobahnen den KFZ-Gesamtverkehr massiv anheizen wird. Mit diesen Autobahn wird er sich fast verdoppeln. Dies sagen z.B. die Sammer-SHELL-Studie der Boku, die sogenannte Görg-Studie, teilweise auch die SUPERNOW-Studie. Die Stadt Wien behauptet, dass die SUPERNOW-Studie eine Autobahn durch den Nationalpark befürwortet. Dies ist eine Unwahrheit. Die MA18 hat auch ihrer Kurzfassung dieser Studie die Expertenaussagen der originalen unabhängigen Studie sehr verändert dargestellt. Die Empfehlung, massiv die Öffis auszubauen, ist in der Kurzfassung fast nicht mehr erkennbar. Die Entscheidungsträger bekommen dann nur noch die ‘bearbeitete’ Kurzfassung in die Hand. (Fast hätte ich das Wort ‘manipuliert’ verwendet).

oekonews: Ist die Tunnelführung, wie von der Stadt Wien gefordert, besser als die große Autobahnbrücke, die die ÖSAG empfiehlt?

Hertenberger: Die ÖSAG propagiert eine große Autobahnbrücke beim Nationalpark über die Donau und meint, die derzeitige Ankunft mit dem Schiff in Wien durch die Donauauen sei langweilig, man könne dann endlich ein großes schönes betoniertes ‘Eingangstor’ für Wien haben, das modern und zeitgemäß ist. So etwas kann nur jemand behaupten, der Asphalt im Schädel hat.
Die Tunnelvariante kostet unglaublich viel. Dieses Geld wird uns dann für den Ausbau der Öffis fehlen, die dringend verbessert gehören. Die ÖBB legt schon wieder Pendlerstrecken still, im Triestigtal und in der Wachau wird der Verkehr ab Dezember massiv verschlechtert, im Weinviertel wieder eine Strecke eingestellt, und gleichzeitig plant man neue Autobahnen. Wir müssen endlich erkennen, dass gute Öffis unsere Lebensqualität verbessern, weil wir sonst in Lärm und Abgasen von Pendlerkolonnen, Transitlawinen und Staus ersticken. Ich habe im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit dieser Tage mit einem Experten der IIASA konferiert. Die Gefahr durch krebserregenden Feinstaub wird noch immer unterschätzt.

oekonews: Steht ihr den Grünen nahe?

Hertenberger: Wir sind prinzipiell überparteilich. Wir diskutieren gelegentlich mit diversen ressortzuständigen Leuten aus verschiedenen Parteien. Dass wir mit Politikern der Grünen inhaltlich eine weit größere Übereinstimmung haben als beispielsweise mit einem roten Beamten der Stadtbaudirektion im Rathaus, oder einem kleinen blauen Bezirksfunktionär in der Donaustadt, ist klar. Die Wiener Grünen engagieren sich ja ebenfalls seit Jahren gegen diese Autobahn, während SPÖ, ÖVP und FPÖ jeweils betonen, dass sie jene Partei sind, die für die Wiener endlich diese ‘großartige’ Autobahn durchgesetzt hat. Der Vorsitzende des Rathaus-Umweltausschusses, Hufnagl, sagte mir telefonisch vor ein paar Monaten, am besten solle man entlang vom Nationalpark bei der Raffineriestrasse eine offene Autobahn bauen, das gehe am schnellsten und sei billig.

oekonews: Was ist Euer Ziel für die nächste Zeit?

Hertenberger: Die Menschen umfangreich und objektiv über diese gigantischen Strassenbauprojekte zu informieren. Und auch Lösungswege für die Verkehrsprobleme aufzuzeigen, in Zusammenarbeit mit anderen Experten, anderen Initiativen, usw. Und wir wollen unsere Zusammenarbeit mit Journalisten verstärken. Leider hat die Stadt Wien eine viel größere Medienmaschine hinter sich, mit professioneller ‘Pro-Autobahn-Werbung’. Aber es sind bereits tausende Menschen, die von uns regelmäßig informiert werden. Und wir werden immer mehr.

oekonews: Werden wir ohne Lobau-Autobahn im Stau auf der Südost-Tangente ersticken?

Hertenberger: Auf der A23 wird es immer Stau geben, mit und ohne Lobauautobahn. Wenn Zwentendorf nicht in Betrieb geht, gehen in Wien die Lichter aus, hat es geheißen. Naja, die Lichter brennen noch. Und wenn das Kraftwerk Hainburg nicht gebaut wird, geht der Rechtsstaat vor die Hunde, hat es geheißen. Heute sonnen sich die Politiker im Glanz des Nationalparks, weil sie ‘eh immer schon für den Nationalpark waren’. Und auch die Stelzenschnellstrasse über den Neusiedler See hat man vor 30 Jahren verhindert. Ich glaube, wir sind es unseren Kindern schuldig, jedenfalls zu versuchen, die Lobauautobahn zu verhindern. Ob es gelingt, weiß ich nicht. Aber es ist gut, sich für ein großes Ziel zu engagieren. Auch ohne Erfolgsgarantie.

Homepage www.lobau.org
Spendenkonto: ........ (siehe Homepage)
Kontakt:


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