© ayoub wardin pixabay.com/ Schuh
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Von Dhaka nach Ybbs

Menschenrechts-Aktivist aus Bangladesch berichtet im Schulzentrum Ybbs über Arbeitsbedingungen in der Schuh- und Bekleidungsindustrie in Bangladesch

Ybbs/ Wiener Neustadt – Die Schülerinnen Verena Kupetz, Sandra Mayer, Lydia Baumgartner der BHAK Ybbs verfassen ihre Diplomarbeit zum Thema ‘Entwicklungen in der Textilindustrie und die daraus resultierenden ökonomischen und ökologischen Auswirkungen’. Zusätzlich zu dieser schriftlichen Arbeit planten die Jugendlichen eine Informationsveranstaltung, um ein breites Publikum über die Missstände in der Bekleidungs- und Schuhindustrie zu informieren.

In Kooperation mit der Clean Clothes Kampagne und Südwind gelang es den SchülerInnen einen Vortragenden aus Bangladesch zu ihrer Veranstaltung einzuladen. Der Generalsekretär des Gewerkschaftsbunds von Bangladesch Kutubuddin Ahmed berichtete am Montag, 13. November 2017 im Präsentationssaal des Schulzentrums Ybbs über die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungs- und Schuhindustrie in Bangladesch und über das Leben der großteils jungen Frauen, die Kleidung und Schuhe für u.a. Österreich produzieren. Gemeinsam mit den SchülerInnen diskutierte der prominente Vortragende wie die Arbeitsbedingungen verbessert werden können und wie Menschen in Österreich die ArbeiterInnen in Bangladesch in ihren Bestrebungen für faire Arbeitsbedingungen unterstützen können.

Textil- und Schuhproduktion in Bangladesch

Bangladesch erlangte traurige Berühmtheit als 2013 das Fabrikgebäude Rana Plaza für Bekleidung einstürzte und mehr als 1100 ArbeiterInnen dabei starben, mehrere tausend wurden verletzt. Die Bildung von Gewerkschaften in Fabriken wird immer wieder unterdrückt, im Jahr 2015 gab es in nur 149 von 5700 Fabriken registrierte Gewerkschaften. Im Dezember 2016 demonstrierten ArbeiterInnen friedlich für die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohnes, der mit 5300 Taka/Monat (ca. 55 €) noch immer unter der von der Weltbank berechneten Armutsgrenze liegt, ein existenzsichernder Lohn beginnt bei rund 260 € oder etwa 26000 Taka (2013, Factsheet Bangladesh). Diese Demonstrationen wurden mit Inhaftierungen von ArbeiterInnen, der Schließung von Fabriken und Entlassung von mehr als 1600 ArbeiterInnen beantwortet.

Aufgrund der anhaltenden Repression gegen GewerkschafterInnen, gegen Menschen- und Arbeitsrechts-AktivistInnen fordert die Clean Clothes Kampagne, dass die EU prüfen sollte, ob Bangladesch tatsächlich weiterhin vom zoll- und quotenfreien Marktzugang profitieren kann. Das von der EU vorgesehene Präferenzsystem für die ärmsten Länder der Welt sieht neben bevorzugtem Marktzugang auch die Einhaltung von ILO Normen und Mindeststandards vor.

Menschenrechts-Aktivist und Gewerkschafter Kutubuddin Ahmed

Der Vortragende ist Generalsekretär des Gewerkschaftsbunds von Bangladesch (Bangladesh Workers Federation (BWF)) und Präsident der TextilarbeiterInnen-Gewerkschaft Bangladeschs (Bangladesh Garments, Textile, Leather and Shoe Workers Federation (BGTLF)). AHMED Kutubuddin hat mit seiner Gewerkschaft entscheidend zur Freilassung der ArbeiterInnen beigetragen, die im Dezember 2016 inhaftiert wurden.

‘Der Verband der Leder- und Schuhexporteure in Bangladesch sieht in der ‘im Überfluss vorhandenen, billigen Arbeitskraft’ einen zentralen Wettbewerbsvorteil. In diesem Licht sind Arbeitsrechte, Bildung von Gewerkschaften und Existenzlöhne politisch nicht gewollt und von den wachsenden Exporterlösen des Bekleidungs- und Schuhsektors kommt nur ein ganz geringer Teil jenen Menschen zugute, die ihn hart erarbeitet haben’, so Kutubuddin Ahmed.

Die Bedeutung der Leder- und Schuhherstellung in Bangladesch

Bangladesch produziert rund 378 Mio. Paar Schuhe (1,6 % Weltmarkt-Anteil) und ist an 8. Stelle unter den Top 10 der schuhproduzierenden Ländern, 48 Mio. Paar Schuhe wurden 2016 exportiert. Die Schuhindustrie in Bangladesch ist eine der am schnellsten wachsenden Industrien der Welt, in den letzten zehn Jahren sind Exporte um 700 % gewachsen. Derzeit werden 800 Mio. USD Exporterlöse erzielt, die Regierung hat sich jedoch das strategische Ziel von 5 Mrd. USD Exporterlös im Jahr 2020 vorgenommen.

Alleine in der Ledererzeugung sind etwa 200.000 Menschen tätig, ein Bericht der Asia Foundation geht davon aus, dass der Ledersektor direkt und indirekt für etwa 850.000 Menschen Beschäftigung schafft.[2] Etwa 70 % der Beschäftigten in diesem Sektor sind Frauen. Im bangladeschischen Bekleidungssektor arbeiten rund 4 Mio. Beschäftigte, davon 3,2 Mio. Frauen.

In Europa sind Deutschland, Niederlande und Spanien die wichtigsten Importländer von Schuhen aus Bangladesch. Sie importierten 2016 rund 21 Mio. Paar Schuhe, diese entsprechen 43 % der Exporte (Worldfootwear Yearbook 2017). In Österreich wurden im Jahr 2016 rund 56 Mio. Paar Schuhe konsumiert, der überwiegende Teil kommt aus den Nachbarländern Deutschland, Slowakei, Italien, Rumänien und Tschechien.

‘In den Monaten April bis September 2017 haben mehr als 13.600 Menschen die Forderung nach mehr Transparenz in der Lieferkette von Schuhen unterstützt. Die Unterschriften werden am 20. November bei einem Runden Tisch im EU-Parlament Zuständigen der EU-Kommission übergeben werden’, so Gertrude Klaffenböck Projektleiterin der Initiative Change Your Shoes von der Clean Clothes Kampagne.


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