© blickpixel- pixabay.com/ Stromnetz
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Viktor Kaplan-Lecture: Wie sehen Geschäftsmodelle für sauberen Strom aus?

Datenbasierte Angebote, kurzfristiger Stromhandel und professionelle Direktvermarktung werden in Zukunft wesentlich zur Vermarktung von Ökostrom beitragen

Mit Auslaufen der Ökostromförderung für alte Anlagen und der absehbar verstärkten Marktorientierung von Incentives für neue Anlagen gewinnen Geschäftsmodelle für die Vermarktung von Strom aus erneuerbaren Energien an Bedeutung. Sowohl die Unternehmen der E-Wirtschaft als auch die Ökostromerzeuger benötigen daher neue Konzepte, um wirtschaftliche Erträge zu erzielen, erklärte Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie anlässlich der zweiten Viktor-Kaplan-Lecture 2017, die gemeinsam von Oesterreichs Energie und der Fachhochschule (FH) Technikum Wien durchgeführt werden.

Die E-Wirtschaft werde in Zukunft nicht mehr bloße Kilowattstunden verkaufen, sondern weit darüber hinausgehende Angebote für ihre Kunden entwickeln, so Schmidt. Die Ökostrom-Produzenten wiederum sind damit konfrontiert, dass die Förderungen für ihre Altanlagen zunehmend auslaufen. Folglich ist es notwendig, den Ökostrom direkt zu vermarkten und damit Gewinne zu erwirtschaften, was bei den derzeitigen niedrigen Großhandelspreisen für elektrische Energie alles andere als einfach ist. Energie Burgenland, Vorreiter der Windkraft-Branche in Österreich, hat bereits vor rund einem Jahr mit der Direktvermarktung von Ökostrom begonnen, berichtete Energiehandelsspezialist Christian Denk von Energie Burgenland.

Direktvermarktung von Windstrom- Wie?

Der größte Betreiber von Windparks in Österreich verfügt in 16 Windparks über insgesamt 224 Windkraftanlagen mit einer Leistung von etwa 507 Megawatt (MW) und erzeugt rund eine Milliarde Kilowattstunden pro Jahr. Die ersten Windparks des Unternehmens gingen im Jahr 2013 in Betrieb. Der Zeitraum, in dem sie Förderungen gemäßÖkostromgesetz erhielten, endete am 1. Juni 2016. Seither muss der von diesen Anlagen erzeugte Strom direkt vermarktet werden. Verbunden damit sind laut Denk vor allem zwei Risiken: Erstens schwanken die Strompreise auf den Börsen erheblich. Zweitens weicht die tatsächliche Stromproduktion von Windparks meist mehr oder weniger stark von der prognostizierten Erzeugung ab.

Die Energie Burgenland hat deshalb eine Energiewarte aufgebaut, die rund um die Uhr besetzt ist und in der alle vermarktungsrelevanten Informationen zusammenlaufen. Dazu gehören unter anderem die jeweils aktuellen Ist-Werte der Erzeugung, die Windleistungsprognosen sowie die Preisentwicklungen auf den Großhandelsmärkten. Den Handel führt das Unternehmen grundsätzlich für den jeweiligen Folgetag (Day-ahead) durch, kurzfristige Abweichungen der Produktion von den vorhergesagten Werten gleicht sie mit Intraday-Produkten aus.

Kurzfristiger Stromhandel blüht auf

An den Strombörsen gewinnt der Handel mit kurzfristigen Produkten immer mehr an Bedeutung, konstatierte Arnold Weiß, Leiter der Wiener Niederlassung der europäischen Energiebörse EPEX Spot. Diese bietet vor allem Stromkontrakte über Lieferungen am Folgetag (Day-ahead) sowie am selben Tag (Intraday) an. Gerade für Ökostromproduzenten ist der Intradayhandel unverzichtbar, so Weiß: "Die Erzeugung von Elektrizität mit Wind- und Solaranlagen schwankt witterungsbedingt sehr stark. Daher ist es notwendig, Abweichungen der tatsächlichen von der prognostizierten Produktion mit geeigneten Stromlieferverträgen so zeitnah wie möglich ausgleichen zu können. Andernfalls wird dem jeweiligen Lieferanten vom Netzbetreiber vergleichsweise teure Ausgleichsenergie zugeteilt."

Noch vor wenigen Jahren lag die Vorlaufzeit, also der Zeitraum zwischen dem Geschäftsabschluss und der Stromlieferung, im Intraday-Handel bei etwa 60 bis 75 Minuten. Mittlerweile beläuft sie sich bei Geschäften innerhalb Deutschlands, Belgiens sowie der Niederlande auf jeweils fünf Minuten. In Frankreich und Österreich sind es jeweils 30 Minuten. Laut Weiß ist auch in diesen Ländern eine Verkürzung auf fünf Minuten vorgesehen. Gehandelt werden insbesondere "kleinteilige" Produkte, darunter Verträge über Stromlieferungen von 15 Minuten Dauer. Der Grund dafür ist, dass die Stromlieferanten Produktions- und Verbrauchsschwankungen von dieser Dauer nach Möglichkeit selbst ausgleichen sollten, um die Zuteilung von Ausgleichsenergie zu vermeiden.

Aggregatoren mischen am Markt mit

Mittlerweile erfolgt der Börsenhandel mit Strom rund um die Uhr, berichtete Weiß. Pro Tag verzeichnet allein die EPEX Spot etwa 250.000 bis 300.000 Transaktionen. In Spitzenzeiten erfolgen mehr als 1.000 Transaktionen pro Sekunde. Solche Volumina können nur mehr automatisiert bewältigt werden, weshalb die EPEX Spot ihre IT-Systeme in den vergangenen Jahren erheblich aufzurüsten hatte. Im Bereich der erneuerbaren Energien hat sich laut Weiß seit einiger Zeit eine Gruppe neuer Marktteilnehmer etabliert. Es handelt sich um die sogenannten "Aggregatoren", die die Stromerzeugung mehrerer Produzenten zusammenfassen und gemeinsam vermarkten. Damit können die Aggregatoren wie große Energieversorger agieren und ihren Kunden entsprechende Möglichkeiten bieten.



Wie sich neue Geschäftsmodelle grundsätzlich entwickeln lassen, erläuterte Hemma Bieser, die Gründerin des Innovationsberatungsunternehmens Avantsmart. Ihr zufolge ist es nötig, sich ein neues "Mindset" anzueignen, das sich mit dem Begriff "Design Thinking" beschreiben lässt. Gemeint ist damit, auf Basis umfassender Daten und deren Analyse möglichst exakte Kundenprofile zu erstellen und ausgehend davon in interdisziplinären, kreativen Teams Prototypen für Geschäftsmodelle zu erarbeiten. In Interviews mit potenziellen Kunden wird evaluiert, ob ein Modell erfolgversprechend ist bzw. was an einem Modell geändert werden muss, um es attraktiv zu machen. Bieser zufolge ist es erforderlich, die Prototypen rasch zu etablieren und durchzutesten, bis sich ein marktfähiges Produkt ergibt. Für die etablierten Energieunternehmen ist es ihrer Ansicht nach wichtig, "nicht einfach Internet-Companies zu kopieren. Vielmehr sollten sich die Energieversorger fragen, wie sie ihre Anlagen und sonstigen Assets für neue Geschäftsmodelle einsetzen können".

Die Herausforderung für die Anbieter innovativer Ideen ist laut Bieser, sich von "liebgewonnenen" Ideen zu verabschieden, wenn sich herausstellt, dass diese nicht lukrativ sind. Dies sei die Vorgangsweise erfolgreicher Start-ups, also "temporärer Organisationen, die darauf ausgerichtet sind, multiplizierbare, skalierbare Geschäftsmodelle zu finden". Als Beispiele aus Österreich nannte Bieser Awattar, ein Unternehmen, das verspricht, seinen Kunden Ökostrom zum jeweils günstigsten Tarif zu beschaffen und Twingz. Dieses Unternehmen will - ebenfalls mittels Smart Metern - Energieverbrauchsdaten von Kunden detailliert erheben und sie Versicherungen zur Verfügung stellen. Mit Hilfe der Daten lässt sich feststellen, ob ein Elektrogerät defekt ist und ob somit die Gefahr besteht, dass sein Einsatz einen Brand auslöst. Die steirische MEO Energy wiederum hat ein Energiemanagementsystem für Haushalte entwickelt, mit dem sich der Strom- und Wärmebedarf optimiert decken lässt.

Mit den Viktor-Kaplan-Lectures bieten Oesterreichs Energie und die FH Technikum Wien eine Plattform zur offenen Diskussion über die technische sowie organisatorische Bewältigung der Umgestaltung des Energiesystems. Die Viktor-Kaplan-Lectures finden zwei Mal pro Jahr statt.


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