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"Brillant und selbstzerstörerisch".

Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 2. August 2017. Von GABRIELE STARCK.

Innsbruck - Die Tatsache, dass der Mensch mit dem heutigen Tag die erneuerbaren Ressourcen des ganzen Jahres aufgebraucht hat, zeigt: Die einzigartigen Fähigkeiten des Homo sapiens sind zugleich sein größtes Risiko.

Erdüberlastungstag – na und? Der von Natur- und Umweltschützern alljährlich kundgemachte Ermahnungstag erhält noch weniger Beachtung als der Equal Pay Day, der auf die Geschlechterungleichheit beim Lohn hinweist. Das liegt auch daran, dass der Erdüberlastungstag sehr viel abstrakter ist, weil er die bedrohliche Überlegenheit einer Art zum Thema hat, die des Menschen. Das Einzigartige am Homo sapiens ist seine Fähigkeit, nicht nur zu lernen, sondern völlig Neues zu erdenken und erschaffen. Damit kann er beispielsweise Dinge optimieren, um den Ertrag zu steigern. Und er ist in der Lage, ertragsmindernde Probleme aus dem Weg zu räumen. Diese Fähigkeit verführt und führt dazu, mehr zu wollen, als zum Überleben der Art und des Individuums notwendig ist. Das ist fatal, weil es den Menschen zum größten Räuber und Killer auf dem Planeten macht. Auch der symbolische Erdüberlastungstag bezeichnet letztlich nur die rein menschliche Perspektive: Wie hat die Erde beschaffen zu sein und was muss sie bieten, damit es dem Menschen gut geht? So gesehen mahnt der Welterschöpfungstag, dass der Mensch zugunsten seines Komforts das System überlastet und sich so langfristig der eigenen Existenzgrundlagen beraubt. Und diese bietet ihm bislang nun einmal ausschließlich diese eine Erde mit ihren vielfältigen und dem Menschen nutzbringenden Lebensformen. Das Bewusstsein, dass der Mensch selbst an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, bewirkt bei der Mehrheit jedoch genauso wenig wie das Wissen, dass Rauchen das Leben drastisch verkürzen kann. Es trifft ja nicht jeden und einen selbst ganz sicher nicht. Ebenso lässt sich das, was vielleicht irgendwann der Fall sein könnte, leichter verdrängen als die momentanen Notlagen des Alltags oder ein scheinbar drohender sozialer Abstieg. Solange jedoch Weltverbesserer die Nase über den Billigfleischverzehr finanziell schwächer gestellter Menschen rümpfen und Nachhaltigkeit predigen; solange Umweltvorgaben der EU als Bevormundung aus der Ferne verteufelt werden; solange der nationalen Politik der Mut fehlt, Betrug zur Kundentäuschung und Gewinnoptimierung hart zu sanktionieren, wird sich nichts ändern. Nicht die Angst, der materielle Wohlstand könnte schwinden, sollte Antrieb sein, sondern das Ziel, Wohlstand über Lebensqualität zu definieren. Und die bedingt den Schutz des irdischen Habitats. Gemeinsam dieses Ziel zu verfolgen, wäre aber wohl ein zu großer Evolutionsschritt in der Menschheitsgeschichte.

Quelle: Tiroler Tageszeitung


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