© 526663- pixabay.com / Atomkraftwerk
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Vietnam beendet sein Atomprogramm

Stellen wir uns einmal vor, wie diese Geschichte sich entwickelt hätte, falls es nach der Atomindustrie gegangen wäre..

Der Bau von Vietnams erstem Atomkraftwerk wäre in vollem Gange, es gäbe Pläne, bis 2030 insgesamt 14 Reaktoren zu bauen. Russland würde den ersten vietnamesischen Atomreaktor konstruieren und ihn dann in Südostasien errichten (wo es bereits mit sieben Ländern Atomverträge zur ‘gegenseitigen Unterstützung’ gibt). Japan und Südkorea würden sich ebenfalls zum Bau von Atomreaktoren in Vietnam entschließen, um das Auftragsloch in ihrer eigenen problematischen Atomindustrie zu stopfen und ihren Ehrgeiz zu befriedigen, Hauptexporteure von Atomenergie zu werden. Nach diesem Szenario wären auch die amerikanischen Verkäufer stark daran beteiligt; sie könnten im US Department of Commerce mit Verträgen im Umfang von etwa 50 Milliarden Dollar rechnen, um bis 2030 Atomkraftwerke in Vietnam zu bauen.

Die Dinge haben sich aber anders entwickelt. Am 22. November 20016 stimmte Vietnams Nationalversammlung zugunsten einer Regierungsvorlage ab, Pläne für den Bau von Kraftwerken zu stornieren. Über mehrere Jahrzehnte hinweg wurden Unmengen von Geldern für Atomprogramme verschleudert. Länder, die Atomanlagen verkaufen, werden sich anderswo nach Geschäftsmöglichkeiten umsehen müssen. Sie werden vielleicht weiterhin ihr Glück in Südostasien versuchen, aber umsonst: kein einziger Atomreaktor ist in Betrieb oder wird gerade oder in nächster Zukunft gebaut werden.

Zuerst eine kurze Geschichte über Vietnams Atomprogramm: 1958 erwirbt Vietnam mit der Unterstützung des ‚Atome für den Frieden‘ - Programmes einen Reaktor für Forschungszwecke. Dieser Reaktor wird wieder abgebaut, als der Vietnam- bzw. Indochina-Krieg eskaliert.

1976: Die vietnamesische Atomenergie-Kommission wird gegründet.

Die frühen 80-Jahre: zwei vorläufige Atomstudien werden durchgeführt.

1995: Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass die Atomkraft ungefähr im Jahr 2015 eingeführt werden soll.

2006: Die Regierung verkündet, dass ein Kraftwerk mit 2 Gigawatt bis 2020 online sein soll. Dieses Ziel wird von einem von der Regierung unterstützten Plan bestätigt (2007); ebenso das zu erreichende Ziel von 8 Gigawatt (2025).

2008: Von der Nationalversammlung wird ein Atomenergiegesetz erlassen.

2009: Die Nationalversammlung befürwortet einen Beschluss für Investitionen in Kraftwerke in der Ninh Thuan Provinz.

2010: Die Regierung verkündet Pläne zum Bau von 14 Reaktoren bis 2030 (15 Gigawatt) an acht Lokalitäten in fünf Provinzen (mehr als 10% der gesamten Elektrizitätsgeneration). Sie teilt ihre Absicht mit, den Anteil der Nuklearenergie am Inlandsverbrauch bis 2050 von 20 auf 25% zu vergrößern.

2010: Vietnam unterschreibt mit Russland für den Bau zweier Reaktoren in der Provinz Ninh Thuan (später wird er auf vier Reaktoren erhöht) einen Regierungsvertrag. Dieser Bau soll 2014 beginnen und der erste Reaktor bis 2020 in Betrieb genommen und an das Netz angeschlossen werden. Russlands Finanzminister will Darlehen zur Verfügung stellen, um mindestens 85% der Kosten decken zu können (im November 2011 wurde ein Vertrag für ein acht Milliarden-Darlehen unterzeichnet). Die Dinge entwickeln sich in den folgenden Jahren langsam.

2010: Ein Regierungsvertrag mit Japan wird unterschrieben, in dem der Bau zweier Reaktoren vorgestellt wird, die bis 2024/25 ans Netz gehen sollen – auch in der Ninh Thuan Provinz. Das japanische ‘Konsortium für die Entwicklung der Nuklearwirtschaft’ will die beiden Reaktoren bauen; und das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie die Finanzierung und Versicherung von bis zu 85% der Gesamtkosten bereitstellen. Wieder entwickeln sich die Dinge in den folgenden Jahren langsam.

2011: Die Regierung entwickelt einen Master Plan, der an den beiden Kraftwerkskomplexen in Ninh Thuan acht Reaktoren vorsieht: jedes Jahr von 2020 bis 2027 soll ein Reaktor in Betrieb genommen werden, zwei weitere dann 2029.

2012: Südkorea und Vietnam geben Pläne bekannt, bei denen es um eine Studie geht, die die Durchführbarkeit eines Baues von vier APR-1400 Atomreaktoren zum Inhalt hat; ebenso wird die Unterzeichnung eines Vertrages beider Regierungen zur gegenseitigen Unterstützung im nuklearen Bereich bekanntgegeben. Ein ähnlicher Vertrag wurde schon 2002 mit Russland abgeschlossen. Seit 2006 wurden weitere Verträge mit Frankreich, China, Südkorea, Japan, Amerika und Kanada fixiert. Zahlreiche Einrichtungen haben Interesse am Bau von Atomreaktoren in Vietnam: Atomstroyexport (Rosatom/Russland), JINED (das japanische ‚Konsortium‘), Westinghouse (Japan/Amerika), GE (Amerika), EDF (Frankreich), KEPCO (Südkorea) und China Guangdong Power Group.

2014: Die Spatenstich-Zeremonie auf dem Ninh Thuan Gelände. Aber die vietnamesische Regierung sagt, das Projekt werde bis zu vier Jahren Verspätung haben, weil es fortlaufende Verhandlungen über Technologie und Finanzierung gibt. 2015 dann wird der Baubeginn des ersten Reaktors um weitere vier Jahre auf 2028 verschoben.

Anfang 2016: Ein überarbeiteter Plan von ‘National Electricity Development’ bestätigt das auf 2028 verzögerte Projekt von Ninh Thuan 1. Dieser Plan reduziert das auf 2030 angesetzte Ziel der ‚Electric Generation‘, von ursprünglich 10.1% auf 5.7%.

2016 – Jahr der Beendigung des Atomprogrammes

Am 10. November sagt Duong Quang Thanh, Direktor der staatlich geführten ‚Electricity of Vietnam‘, dass die Regierung gegenüber der Nationalversammlung den Bauplänen für zwei Kernkraftwerke in Ninh Thuan eine Absage erteilt hat. Er fügt hinzu, dass die Kernkraft nicht im Energieplan des Staates vorgesehen ist, auch kein Budget dafür bereitsteht. Dieser Energieplan sollte eigentlich bis 2030 gelten und war bereits vom Premierminister Nguyen Xuan Phuc abgesegnet worden. Die Nationalversammlung stimmte am 22. November ab und unterstützte die Entscheidung der Regierung, die Pläne zum Bau weiterer Kernkraftwerke aufzugeben.

Der Energieanalytiker Mycle Schneider meint dazu: ‘Vietnam steht nur für viele andere Ländern – einschließlich neuerdings China und Indonesien – die ihre Baupläne bis auf weiteres entweder verschoben oder ganz aufgegeben haben. Die Entscheidung, nicht weiter auf Atomkraft zu setzen, ist vor allem eine wirtschaftliche’. Duong Quang Than: ‘Die Kernkraft ist vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen nicht rentabel, denn es gibt andere, billigere Energiequellen’.

Le Hong Tinh, der Vize-Vorsitzende des Nationalen Komitees für Wissenschaft, Technologie und Umwelt, ergänzt:

‘Die geschätzten Kosten von vier Reaktoren in zwei Kraftwerken in der Provinz Ninh Thuan haben sich beinahe verdoppelt (18 Milliarden Dollar). Die geschätzten Kosten von Strom aus Kernkraft würde demnach von 4,5 US Cents/KWh auf 8 Cents/KWh steigen. Vietnam hat bis jetzt Millionen an Dollars für dieses Projekt ausgegeben, aber weiter zu machen wie bisher, würde die hohen Staatsschulden noch weiter anwachsen lassen’.

Einem weiteren Medienbericht zufolge gehen auch japanische und russische Finanzberater davon aus, dass die Kosten eskaliert sind: von den ursprünglich veranschlagten zehn Milliarden auf 27 Milliarden US Dollar. ‘Die Kraftwerke müssten dann den Strom aus der Kernkraft um etwa 8.65 Cents/KWh verkaufen. Das ist fast doppelt so viel, wie der Betrag, der bei der Genehmigung für das Projekt vorgesehen war – absolut unrentabel’, schreibt die Zeitung VN Express.

‘Vietnams steigende öffentliche Schulden steigen auf annähernd 65% des BIP. Dies ist ein weiterer Grund für den Abbruch dieses Programmes’, meint Cao Si Kiem, Mitglied der Nationalversammlung und ehemaliger Gouverneur der Zentralbank. Ein weiterer Faktor: der Bedarf an Elektrizität wächst, jedoch nicht so schnell wie man ursprünglich dachte. Duong Quang Thanh (Electricity of Vietnam) hierzu: ‘Den jüngsten Analysen zufolge wird sich die Wachstumsrate im Energiesektor zwischen 2016 und 2020 auf etwa 11 %belaufen. Danach wird sie zwischen 2021 und 2030 auf 7 – 8% sinken. Also wird es in naher Zukunft keine Energieknappheit geben.’

Auch Sorgen um die nukleare Sicherheit haben die Entscheidung beeinflusst, das Atomprogramm abzubrechen. Tan Huu Phat, ehemaliger Vorsitzende des vietnamesischen Institutes für Atomenergie, meint, dass Vietnam nicht bereit sei, das Atomprojekt zu realisieren, und dass am Atomenergiegesetz Änderungen vorgenommen werden müssten.

‘Die Arbeitskräfte sind nicht darauf vorbereitet, diese Gesetze vor Ort umzusetzen und so ein Kernkraftwerk am Laufen zu halten. Die Abteilung für Strahlung und nukleare Sicherheit, die Agentur, welche die wichtigste Rolle im Management des Landes spielt, war bisher nicht dazu bereit, auch nicht für die nächsten fünf Jahre’.

Vuong Huu Tan, Leiter von Vietnams Atomenergiekommission, die ‚Agentur für Strahlung und nukleare Sicherheit‘ meinte Anfang 2016 folgendes: ‘Es gibt noch vieles zu tun, Vietnam hat keine klaren Bestimmungen für Agenturen, die die Sicherheit von Atomkraftwerken überprüfen, und außerdem ist das Management der Atomkraftanlagen noch nicht bewilligt und keine unabhängige Institution, die mit internationalen Normen in Einklang stehen würde’.

Die World Nuclear Association stellte fest, dass die Regierungskommission (Varans) dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie untersteht, ebenso auch die vietnamesische Kommission für Atomenergie. Michiko Yoshii, Professorin an der japanischen Mic Universität, sagte schon 2014, dass sich in Vietnam die Sorgen um die nukleare Sicherheit seit der Katastrophe von Fukushima noch vertieft haben.

‘Der ehemalige Vorstand des vietnamesischen Institutes für die Erforschung der Atomenergie verlangte aus Gründen der Sicherheit und aufgrund des Mangels an Arbeitskräften eine zehnjährige Verschiebung des Bauplanes, Herr Quan, der Wissenschaftsminister, hat schon öfters betont, dass die Entwicklung von menschlichen Ressourcen nicht Schritt hält mit den Bauplänen’.

Auch weil es keinen sicheren Weg zur Atommüll-Beseitigung gibt, wurden Entscheidungen beeinflusst, das Bauvorhaben von Atomkraftwerken aufzugeben. Le Hong Tinh vom nationalen Komitee für Wissenschaft, Technologie und Umwelt, sagt dazu: ‘Atommüll stellt immer eine Bedrohung für die Umwelt dar, sogar in entwickelten Ländern, die sich rühmen, eine gute Technologie für die Abfallbehandlung bereitzustellen’.

‘Russland hat angeboten, Treibstoff für die Wiederverwertung anzunehmen, aber getrennter Müll würde letztlich nach Vietnam zurückgeschickt’, so die World Nuclear Association.

Opportunity costs

Man kann es nicht auf einen einfachen Nenner bringen, aber viel Zeit und Ressourcen wurden verschwendet für Vietnams letztlich abgeblasenes Atomprogramm, das sich über mehrere Jahrzehnte hinzog. Die sog. ‘opportunity costs’ liegen umso höher, da Vietnam ein Entwicklungsland ist, das es sich nicht leisten kann, Geld und Arbeitskräfte für ein Projekt auszugeben, das bereits gescheitert ist. 2014 bereiteten sich in Russland insgesamt 344 Studenten auf das Atomprogramm vor. 150 Ingenieure halfen bei der Konstruktion eines Kraftwerkes in Russland mit. Eine kleinere Anzahl von Studenten wurde zudem nach Japan geschickt.

Le Hong Tinh vom nationalen Komitee für Wissenschaft, Technologie und Umwelt sagt, dass man die für das Atomprogramm vorbereiteten Personen auch anderweitig in Vietnam einsetzen könne. Als er gefragt wurde, was er über die Stornierung des Programms denke, sagte er, dies sei ‘eine Lektion für uns in künftiger Energieplanung – und Entwicklung’.

Vietnams Strommix

2013 produzierte Vietnam 127 Terrawatt-Stunden Bruttoelektrizität, hauptsächlich zusammengesetzt aus Wasserkraft (45%), Gas (34%) und Kohle (20 %). Es gibt einigen Spielraum für neue Wasserkraftwerke, aber viele verfügbare Standorte werden bereits genutzt. Einem im März 2016 erschienenen Medienbericht zufolge plant die Regierung, ihre Abhängigkeit von der Wasserkraft zu reduzieren: es waren hunderte bereits existierender und in Planung begriffener Kraftwerksprojekte neuerlich untersucht worden. Die Neu-Untersuchung kam zustande, nachdem Medienberichten zufolge Felder und Häuser Schaden nahmen, weil ohne Vorwarnung Dämme geöffnet worden waren.

Mitte des Jahres 2016 verstärkte die Regierung ihre Bemühungen um einen Anstieg beim Anteil der erneuerbaren Energien von 5.6 % auf 9.9 % im Jahr 2020 (ohne Wasserkraft). Zusätzlich zu bereits existierenden kleinen Solarsystemen arbeitet die Provinz Quang Nam gemeinsam mit Investoren daran, die erste große (100 MW) Solaranlage zu bauen – sie soll etwa 140 Millionen Dollar kosten.

Auch die Windenergie wächst, bisher aber nur in kleinen Schritten. Um die 20 Windkraftwerke sind in Betrieb. Dies schließt eine große Anlage in der Provinz Binh Thuan mit ein, die eine Kapazität von 99 MW hat – Dutzende weitere sind in Planung. Vietnams Ministerium für Industrie und Handel schätzt, dass das Land eine Gesamtkapazität von 513 GW an Windkraft besitzt. Das ist zehnmal mehr als die derzeitige Kapazität aller Energiequellen.

Einem Report vom Mai 2016 zufolge kann bis zum Jahr 2050 das Land durch erneuerbare Energien seinen Bedarf abdecken. In Vietnam stehen viele erneuerbare Energiequellen zur Verfügung: Sonne, Wind, geothermale Wärme, Biomasse und Meeresenergie. Der Report geht von drei Möglichkeiten aus: business as usual (nur leichtes Wachstum bei erneuerbaren Energien), Nachhaltigkeit (81 % Wachstum bis 2050) oder fortschrittliches Wachstum bis zu 100% an erneuerbaren Energien bis 2050.

Ein Beispiel für andere Länder?


Autor: Jim Green, Herausgeber des Nuclear Monitor
Übersetzung und Bearbeitung: Ina Conneally, Bernhard Riepl, www.sonneundfreiheit.eu


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