© Mario Stelzmann / Das Effizienzhaus Plus in Bischofswiesen erzeugt mehr Energie, als es verbraucht.
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Finanzierung der Energiewende benötigt sichere Rahmenbedingungen

Nur neue Technologien und Geschäftsmodelle können die Energiewende zum Erfolg führen

Um Klimaschutz und die Energiewende zum Erfolg zu führen, sind neue Technologien und Geschäftsmodelle nötig. Das sagte Gerard Reid, CEO der Investmentfirma Alexa Capital, und Keynote-Speaker am 24. Mai beim Trendforum von Oesterreichs Energie, das sich dem Thema "Energie, Klima, Geld - Investment-Check Energiewende" widmete. Reid erwartet, dass vor allem Software, Solar- und Speichertechnologien sowie Halbleiter die Energieversorgung grundlegend verändern werden.

Diese Entwicklung ist für den Finanzexperten, der unter anderem das Weltwirtschaftsforum in Davos berät, bereits im Gang. So sanken etwa die Kosten für Solarzellen in den vergangenen fünf Jahren um etwa 75 Prozent. Gleichzeitig wuchs weltweit neu installierte Kapazität von weniger als zehn Gigawatt (GW) im Jahr 2009 auf über 50 GW im vergangenen Jahr. Ähnliches sei bei Batteriespeichern zu beobachten. Auch deren Kosten sanken in den vergangenen fünf Jahren um rund drei Viertel, die jährlich neu hinzukommende Kapazität vervierfachte sich annähernd. Reid erwartet, dass in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vermehrt "Mikronetze" für die lokale Stromversorgung errichtet werden, die von den weiträumigen Verteil- und Transportnetzen unabhängig sind und diese weitgehend überflüssig machen. Stromnetze würden zunehmend zu einem Teil des "Internet of Things", womit sich völlig neue technische und wirtschaftliche Möglichkeiten eröffneten. "Alles wird verbunden und dezentral steuerbar sein", erläuterte Reid.

Diese Entwicklungen haben vier Auswirkungen. Erstens gewinnt Elektrizität im Rahmen der Energieversorgung massiv an Bedeutung. Reid: "Sie wird der Hauptenergieträger des 21. Jahrhunderts sein." Zweitens machen kostengünstigere Batteriespeicher Strom aus erneuerbaren Energien jederzeit verfügbar und damit wertvoller als bisher. Drittens werde die Zahl der Elektroautos wesentlich schneller steigen als allgemein erwartet, so Reid. Tesla habe für sein Modell 3 rund 400.000 Vorbestellungen. Der Anteil des Unternehmens an den Neubestellungen von Luxusautos in den USA lag 2015 bei 51 Prozent. Alle anderen Marken verzeichneten dagegen Auftragsrückgänge. Viertens würden dezentrale Stromspeicher eine große Rolle bei der Elektrizitätsversorgung spielen. Der Grund dafür sind sogenannte "Second-Life-Batterien", die in Autos nicht mehr genutzt werden können und in der Folge als stationäre Stromspeicher Verwendung finden, etwa im Haushaltsbereich. Zu rechnen ist laut Reid mit "bedeutenden Auswirkungen" auf den Bedarf an fossilen Energieträgern wie Erdöl, Erdgas und Kohle. Der Höhepunkt der Nachfrage nach diesen könnte nach seiner Ansicht schon innerhalb der kommenden zehn Jahre überschritten werden.

Neue Geschäftsmodelle

Aus den aktuellen Trends entstehen laut Reid eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle. Statt bloßer Kilowattstunden würden künftig umfassende Energiedienstleistungen angeboten, im Rahmen derer Strom aus erneuerbaren Energien eine wesentliche Rolle spiele. Die Bezahlung solcher Komplettpakete könne mittels Flatrate-Tarifen erfolgen. Wirtschaftlich vielversprechend sind nach Ansicht Reids Internetplattformen, die Energiekunden und Energieanbieter zusammenbringen. Auch ist mit dem Auftreten neuer Marktteilnehmer zu rechnen. So könnten etwa Telekommunikationsfirmen Energie verkaufen und im Gegenzug Energieunternehmen Telekom-Dienste offerieren. Energiedienstleistungsunternehmen (Energy Service Companies, Escos) werden flexible Erzeugungseinheiten sowie flexible Verbraucher bündeln und deren Leistung vermarkten. Automobilhersteller könnten dem Beispiel Teslas folgen und Komplettangebote "von der Batterie bis zur Stromtankstelle mit eigenem Strom" entwickeln.

Angesichts dessen ist die Finanzierung des Klimaschutzes und der Energiewende durchaus zu bewerkstelligen, betonte Reid: "Grundsätzlich ist genügend Geld da. Und wenn es gute Geschäftsmodelle gibt, wird das Kapital folgen." Seiner Ansicht bietet allerdings das derzeitige Modell des "Energy-Only-Marktes", auf dem ausschließlich mit Kilowattstunden gehandelt wird, keine Anreize für Investitionen in neue Kraftwerke: Die niedrigen Strompreise würden die Errichtung von Erzeugungseinheiten aller Art für Energieunternehmen unrentabel machen. Nötig sei eine Senkung der Finanzierungskosten. Reid: "Der Wettbewerb am Strommarkt wird sich von den Preisen zu den Kapitalkosten verschieben." Welche Rolle Kapitalkosten spielen, könne man heute schon am Beispiel Griechenland sehen. Dort sei die durchschnittliche Sonneneinstrahlung zwar doppelt so hoch wie bei uns, dennoch sei der finanzielle Ertrag von Photovoltaikanlagen geringer, weil in Griechenland die Kapitalkosten wesentlich höher sind.

Energy-Only-Markt reformieren

Wolfgang Anzengruber, Präsident von Oesterreichs Energie, konstatierte ein Marktversagen. Der Energy-Only-Markt könne unter den gegebenen Bedingungen nicht funktionieren: Im Gegensatz zu Kraftwerken, die mit Kohle oder Erdgas betrieben werden, hätten Windparks und Solarkraftwerke faktisch keine Betriebskosten. Somit könnten sie - wenn sie einmal vorhanden sind - zu Kosten von annähernd Null Euro Strom erzeugen, womit die Strompreise zumindest im Großhandel ebenfalls gegen Null tendierten. Damit sei es jedoch keinem Stromerzeuger mehr möglich, mit dem Verkauf elektrischer Energie allfällige Investitionskosten zu decken. Anzengruber: "Deshalb brauchen wir neue Investoren, etwa Pensionsfonds. Diese interessieren sich allerdings überwiegend für das regulierte Geschäft, also den Betrieb der Stromnetze, bei dem sie sichere Renditen erwarten können. Risikofreudige Anleger sind dagegen selten". Aus diesem Grund ist seiner Ansicht nach eine Reform des Energy-Only-Marktes unvermeidbar: "Denn mit den heutigen Preisen kann keine Technologie ohne Förderungen überleben, die Photovoltaik am allerwenigsten." Anzengruber warnte auch davor, die Bedeutung der regulatorischen Rahmenbedingungen zu unterschätzen.

Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, erläuterte, die E-Wirtschaft schlage im Rahmen ihrer "Stromstrategie" vor, den Anteil elektrischen Stroms von derzeit etwa 20 Prozent bis 2035 auf rund 33 Prozent des gesamten Energiebedarfs zu erhöhen. Kommen soll dieser Strom zu zirka je einem Drittel aus Windparks, Solaranlagen und Wasserkraftwerken, jeweils etwa sechs bis acht Terawattstunden pro Jahr. Um gleichzeitig die Flexibilität des Systems zur Stromversorgung zu steigern, wolle die E-Wirtschaft auch die Stromnetze erheblich verstärken und erweitern. Zur Finanzierung würden etwa 50 Milliarden Euro benötigt. "Beim derzeitigen Investitionsumfeld werden wir das nicht schaffen", so Schmidt.

Erneuerbaren-Präsident für CO2-Steuer

Als Lösung der derzeitigen Finanzierungsprobleme schlug Peter Püspök, Präsident des Verbandes Erneuerbare Energie Österreich eine CO2-Steuer auf die Energieerzeugung vor. Dies würde die Produktion elektrischer Energie mittels Kohlekraftwerken unrentabel machen und somit klimaschädliche Überkapazitäten aus dem Markt drängen. In der Folge reduziere sich das Stromangebot, womit die Großhandelspreise wieder auf ein Niveau kämen, das den Verkauf elektrischer Energie und damit auch Investitionen in neue Erzeugungsanlagen rentabel mache, argumentierte Püspök. Überdies würde eine CO2-Steuer auch die Einführung von Elektroautos unterstützen, da der Betrieb von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren tendenziell teurer werde. Um die CO2-Steuer nicht zu einer weiteren Belastung für die Wirtschaft zu machen, müssten im Gegenzug die Lohnnebenkosten gesenkt werden, empfahl Püspök. Warnend fügte er hinzu, die Gefahren durch den Klimawandel würden noch immer unterschätzt: "Wir müssen sofort massiv investieren, wenn wir den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf weniger als zwei Grad Celsius und damit ein einigermaßen akzeptables Niveau begrenzen wollen."

Anleger meiden unkalkulierbare Risiken

Monika Rosen, Chefanalystin der Bank Austria im Bereich Private Banking, sieht keinen Mangel an Geld für Investitionen im Energiebereich. Überdies sei das "Niedrigzinsumfeld" nahezu ideal für Energieversorger. Sie warnte indessen: Seien die politischen Rahmenbedingungen für die Energiewirtschaft ungünstig, "ist der Anleger schnell wieder weg". Und unter den derzeitigen Bedingungen könnten die Energieunternehmen schwerlich die Rolle sicherer Renditenbringer spielen, weil nicht absehbar ist, wie die Entwicklung in einigen Jahren weiter gehen werde. Jeder potenzielle Privatinvestor müsse sich selbst fragen, ob er für die Rettung der Welt vor dem Klimawandel "eine geringere Rendite in Kauf nehmen möchte und wie viel an Underperformance er zu akzeptieren bereit ist."

Martin Brunkhorst, der Leiter des Wiener Büros der Europäischen Investitionsbank (EIB) ergänzte, Geld für Investitionen sei somit offenbar sehr wohl ein Problem für die Energiewirtschaft. Gerade die niedrigen Zinsen kämen der Branche möglicherweise nicht entgegen, da das hohe Risiko langfristiger Investitionen nicht ausreichend abgegolten werde. Laut Brunkhorst investiert die EIB bereits seit langem in Energieunternehmen. Im Gefolge der Weltklimakonferenz von Paris im vergangenen Dezember (COP 21) entwickelte sie auch eine Strategie für Investitionen in Projekte zur CO2-Verminderung, die den Ausbau erneuerbarer Energien, aber auch der Stromnetze, ebenso beinhaltet wie Maßnahmen im Verkehrssektor. Jährlich stünden dafür rund 20 Milliarden Euro zur Verfügung.

Das Trendforum von Oesterreichs Energie wurde 2012 als Plattform zur Erörterung der Zukunftsfragen von Strom und Energie auf hochrangiger Ebene etabliert. Es findet drei Mal jährlich in Wien statt. Bisherige Themen waren unter anderem das unterschätzte Risiko Blackout, der Standortfaktor Strom, die Überregulierung des Energiesektors sowie der Weltklimagipfel von Paris.

Rückfragehinweis: Oesterreichs Energie Ernst Brandstetter Pressesprecher 0043 1 50198 - 260; Mobil: 0043 676 845019260 presse@oesterreichsenergie.at www.oesterreichsenergie.at

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OTS0039 2016-05-25/09:35



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