© Sattler & Schanda
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Ein paar Gedanken zur fossilen Energieversorgung

Anlass dieses Beitrags war eine Konferenz der Energiewirtschaft (EPCON 2011). Hier ein paar Gedankensplitter zu dieser Konferenz von Dr. Reinhard Schanda

Abhängigkeitssyndrom

Wen trifft die Schuld an Suchtgiftabhängigkeit? Den Junkie oder den Drogendealer? Wir gehen wohl allgemein davon aus, dass vorrangig den Drogendealer die Verantwortung dafür trifft. Freilich sind Suchtgifte verboten. Wir müssen uns daher fragen: Wen träfe die Schuld an Suchtgiftabhängigkeit, wenn Suchtgifte erlaubt wären? Den Junkie? Oder den Drogendealer? Oder vielleicht den Staat, weil er es zulässt, dass Suchtgift erlaubt ist?

Erdöl und Erdgas haben für die Gesellschaft ähnliche Eigenschaften wie Suchtgift für Individuen: Ihr Konsum ist kurzfristig angenehm, aber sie haben schädliche Folgewirkungen: Klimawandel, Finanzierung von nicht-demokratischen Diktaturen in Förderländern, Sucht (nicht mehr Aufhören können; ständige Erhöhung der Dosis), Abhängigkeit von Lieferanten.

Und siehe da: Die Argumente der Fossilwirtschaft sind die gleichen wie jene von Drogendealern: ‘Schuld am Verbrauch von Erdöl und Erdgas sind nicht die Ölfirmen, sondern die Verbraucher’ (so wörtlich Markus Mitteregger, CEO RAG).

Blick in die Zukunft?

Das Thema EU-Energiestrategie erfordert naturgemäß eine Auseinandersetzung mit der Zukunft: Man nehme also die graphische Darstellung einer Entwicklung in der Vergangenheit und interpoliere sie (mehr oder weniger linear) in die Zukunft. Fertig ist die Prognose.

Diskutiert wird aber nur ein Zeithorizont bis 2020; die Zeit danach bleibt weitgehend ausgeblendet. Aber man hat das Gefühl: Nicht weil man die Prognose nicht wagt, sondern weil das ja noch so weit weg ist!

Das Thema Klimawandel kommt kaum vor. Auch das Thema möglicher Ressourcenknappheit bei fossilen Energieträgern wird nicht ernsthaft berührt.

Ich stelle mir mitunter die Frage: Wie wird die Welt wohl aussehen, wenn meine Kinder so alt sind wie ich es jetzt bin und ihrerseits Kinder haben werden (oder gerne gehabt hätten). Wegen der absehbaren Entwicklungen auf den Baustellen Klimawandel und Ressourcenkrise empfinde ich dabei Sorge um meine Kinder.

Aber anderen Vätern geht es offenbar anders. Ich vermute, dass viele Vorstände von Energieunternehmen, die den weiteren Ausbau fossiler Energieträger befürworten, auch Kinder haben. Entweder also diese Väter sehen kein Problem auf uns zukommen, meinen also offenbar ernsthaft, dass wir den derzeitigen Kurs noch weitere 40 Jahre ohne Schaden weiterfahren können, oder diesen Vätern ist das Wohl ihrer Kinder und Enkel weniger wichtig als mir. Oder es gelingt ihnen irgendwie die durch den derzeitigen Kurs absehbaren Konsequenzen erfolgreich zu verdrängen.

EU-Strategie zur „Security of Supply“ von Erdgas

Die EU hat im November 2010 eine Verordnung über Maßnahmen ‘zur Gewährleistung der sicheren Erdgasversorgung’ erlassen (Security-of-Supply Verordung; SoS-VO ). ‘Gewährleistung der sicheren Erdgasversorgung’ klingt doch gut, oder? So als ob es die EU in der Hand hätte durch Rechtsvorschriften die Versorgung der EU mit Erdgas zu sichern.

In Wahrheit regelt diese Verordnung freilich nur die Schadensminderung innerhalb der EU im Falle von Lieferausfällen: Wenn es innerhalb der EU möglichst viele Gasfernleitungen gibt, dann könne das noch vorhandene Gas (eine Zeit lang) besser unter den Mitgliedstaaten verteilt werden. Der Mangel soll also sozialisiert werden können. Der Vorwand der Versorgungssicherheit wird also instrumentalisiert, um neue Erdgasleitungen zu rechtfertigen – um ‘fehlende Infrastrukturverbindungen’ innerhalb der EU nachzuholen. Die EU wiegt sich ernsthaft in der ‘Sicherheit’, dass ‘der Erdgasbinnenmarkt ganz wesentlich zur Erhöhung der Energieversorgungssicherheit in der Union’ beitrage (vgl Erwägungsgrund 11 der VO).

Die SoS-VO sieht sogar vor, dass die EU Finanzierungen (durch Garantien der Europäischen Investitionsbank oder Mittel aus den Regional-, Struktur- oder Köhäsionsfonds) für neue Erdgasinfrastruktur zur Verfügung stellen solle. Die SoS-VO ist in Wahrheit ein schlecht kaschierter Versuch der Erdgaswirtschaft die EU noch tiefer in die Abhängigkeit von Erdgas zu treiben. Sie ist ein anschaulicher Beweis dafür, wie gut das Lobbying der Erdgaswirtschaft in Brüssel funktioniert.

Ansonsten besteht die EU-Strategie darin den Bezug aus Drittstaaten zu diversifizieren und mit diesen Lieferanten durch eine zentrale Stimme zu verhandeln. Also statt nur aus Russland zukünftig auch Erdgas aus Aserbaidschan, dem Iran oder Turkmenistan zu kaufen.

Wie wird es mit der Erdgasversorgung weitergehen?

Russland wird immer mehr Erdgas im Inland benötigen. Die alten sowjetischen Pipelines werden immer stärker lecken (und das Methan in die Atmosphäre abgeben). Zusätzlich wird sich China um russisches Erdgas bemühen. Schon aus diesen drei Gründen wird in Europa immer weniger Erdgas ankommen.

Dazu kommt, dass wir in absehbarer Zeit mit einer signifikanten Verknappung der globalen Erdölproduktion rechnen müssen. Das wird einerseits dazuführen, dass sich manche Staaten den Zugang zur Erdölproduktion mit militärischen Mitteln sichern werden und andererseits dazu, dass es in Staaten, die dies nicht wollen oder können zu wenig Erdöl geben wird, was dort zu internen Unruhen führen wird (vgl zB http://www.peak-oil.com/wp-content/uploads/2011/01/bundeswehr_studie_peak_oil.pdf). Beides wird zu politisch instabilen Situationen führen, die den Transport von Erdgas über lange Pipelines und mehrere Transitländer nach Europa zum Lotteriespiel machen werden.

Soweit Erdgas in Europa ankommen wird, wird es aufgrund der Preisbindung an Erdöl empfindlich teurer sein als heute. Auch das Beratungsunternehmen Pöyry rechnet übrigens mit einer deutlichen Preissteigerung bei Gas ab 2017.

Zugleich zeigt sich auch in Europa Interesse der Erdgaswirtschaft an der Förderung von Schiefergas durch ‘Fracking’ (Hydraulic Fracturing). Dabei werden hochgiftige Chemikalien in tiefe Gesteinsschichten gepresst und so Erdgas gefördert. In den USA und in Deutschland gibt es bereits Probleme mit dadurch ausgelöster Grundwasserverseuchung (vgl http://de.wikipedia.org/wiki/Hydraulic_Fracturing).

Wenn wir aber jetzt fleißig in Gaskraftwerke investieren, dann wird es in ein paar Jahren heißen, dass ein Ausstieg aus Erdgas unmöglich sei und daher zur Wahrung der Versorgungssicherheit nun vermehrt Fracking betrieben werden müsse – nach dem Motto ‘to big to fail’.

Erdgas dient heute im wesentlich drei Anwendungen: 1. Hochtemperaturanwendungen in der Industrie. 2. Niedertemperaturanwendungen im Haushaltsbereich. 3. Stromerzeugung. Im Bereich der Hochtemperaturanwendungen in der Industrie ist Erdgas am schwierigsten zu ersetzen. Im Haushaltsbereich und in der Stromerzeugung kann es hingegen ersetzt werden. Es hier zu ersetzen wäre auch für die Industrie (und damit für die Standortsicherung österreichischer Arbeitsplätze) gut; die Industrie müsste bei ihrer Nachfrage nach Gas dann nämlich nicht mehr mit den Haushalten und der Stromerzeugung konkurrieren.

Schaffen wir eine Wende ohne Krise?

Meines Erachtens spricht vieles dafür, dass nur Krisen eine Wende herbeiführen. Aktuelles Beispiel ist ja die Krise in Fukushima, die zu einer Wende in der Atompolitik führen könnte. Tut sie es letztlich nicht, dann war sie wohl nicht kritisch genug.

Eine Krise ist nicht nur eine schwierige Situation, sondern auch eine mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation. Ohne Krise keine Entscheidungssituation. Der Frosch, der im sich langsam erwärmenden Wasser sitzt, verspürt keine Krise. Geradezu archetypisch zeigt sich dies durch das auf der EPCON gehörte Motto: ‘Grundsätzliche Beibehaltung des bestehenden Systems’.

Was eigentlich heißt Energieautarkie?

Autarkie Österreichs gegenüber dem Ausland? Autarkie Europas gegenüber dem Rest der Welt? Ich meine ausformuliert muss es eigentlich heißen, dass die Energiebereitstellung so kleinräumig erfolgen sollte wie möglich: Also am besten lokal. Wenn das nicht möglich ist, dann regional. Wenn das nicht möglich ist, dann national. Wenn das nicht möglich, dann innerhalb EU. Und nur wenn auch das nicht möglich ist, dann außereuropäisch. Entscheidend ist dabei aber freilich, wie schnell man die jeweils kleinräumigere Variante für unmöglich hält.



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Dr. Reinhard Schanda ist Rechtsanwalt in Wien und Landwirt in der Steiermark und bietet Dienstleistungen im Energiesektor an:
Rechtsanwaltskanzlei mit Spezialgebiet Energierecht: www.energierecht.at
Beratungsunternehmen SEKEM-Energy: www.sekemenergy.com
GastautorIn: Dr. Reinhard Schanda für oekonews.
Artikel Online geschalten von: / pawek /