© Wiener Linien
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Öffis für Reiche, Teil 2

Wiener Linien wollen U-Bahn-Stationen „obdachlosenfrei“ machen

Als im vergangenen Winter tausende mit Einkaufstaschen bepackte Fahrgäste von den Großkaufhäusern in die U-Bahn-Stationen hasteten, um die teuren Weihnachtsgeschenke nachhause zu bringen, tönte aus den Lautsprechern der Wiener U-Bahn eine Durchsage, die dazu aufforderte, Bettlern und Obdachlosen im U-Bahnbereich kein Geld zu geben. Bis zum Frühjahr wurde dieser Aufruf noch oftmals wiederholt.

Etwas irritiert richtete ich damals eine schriftliche Anfrage an Johann Ehrengruber, den Pressesprecher der Wiener Linien. Antwort bekam ich zunächst keine, auf eine telefonische Nachfrage nach mehreren Wochen sagte Ehrengruber, er sei sehr beschäftigt und werde vielleicht etwas schreiben, wenn er Zeit habe.

Von ihm kam nie mehr eine Reaktion, dafür aber ein höfliches Schreiben von einer Angestellten des Kundendiensts namens Amtsrätin Susanne Müllner. Sie schrieb: ‘Das Betteln konnte nur deshalb so präsent werden, weil viele Menschen gerne Geld- oder Sachspenden an Mitmenschen geben.’ Aha, denke ich, deshalb gibt es also Durchsagen, dass man im U-Bahn-Bereich nichts mehr spenden soll? Damit die Armen verschwinden, und die Wohlhabenden keine Armen mehr anschauen müssen? Wohl nach dem Motto: ‘Geiz ist geil.’

Hinaus auf die Strasse

Da Herr Ehrengruber die zum Geiz auffordernden Lautsprecherdurchsagen nicht kommentieren wollte, erkundigte ich mich beim Kundendienst der Wiener Linien. Am 16. Februar fragte ich dort, ob sich die Durchsagen nur gegen das ‘aktive Betteln’ in den Zügen richten. Nein, es solle überhaupt keine Bettler mehr geben, weder in den Stationen, noch in den Zügen, antworteten mir die Wiener Linien. Das heißt, fragte ich, die Obdachlosen sollen nach Meinung der Wiener Linien aus den Stationen verschwinden, hinaus auf die Straße, obwohl dort im Winter oft Wind und Schneetreiben herrscht?? Die Antwort war ausweichend:
Wiener Linien: ‘Es soll kein Betteln sein. Komplett, in den Zügen und in den U-Bahn-Stationen.’
Frage: ‘Also, die Obdachlosen sollen hinaus auf die Straße gehen, egal welches Wetter herrscht?’
Wiener Linien: (denkt nach)
Frage: ‘Oder sollen sie zu überhaupt zu betteln aufhören?’
Wiener Linien: (denkt nach)
Frage: ‘Was soll diese Durchsage denn eigentlich bewirken?’
Wiener Linien: ‘Das kann ich nicht beantworten, was der Zweck der Durchsage sein soll. Es ist verboten, und es werden diese Durchsagen gemacht.’
Frage: ‘Also sollen sie hinaus auf die Straße?’
Wiener Linien: ‘Ich möchte mit Ihnen nicht diskutieren. Es ist von sehr vielen Fahrgästen die Anfrage gekommen, dass sie keine Bettler sehen wollen!’
Frage: ‘In Südafrika gab es auch Weiße, die sich durch den Anblick von Schwarzen in Zügen gestört gefühlt haben. Deshalb gab es dort dann eigene Waggons für Schwarze. Soll man Fahrgastwünschen immer nachgeben, auch wenn sie ethisch nicht vertretbar sind? Haben die Wiener Linien da keine Gewissensprobleme?’
Wiener Linien: ‘Ich kann Ihnen nur sagen, was von den Fahrgästen an uns herangetreten (sic!) worden ist. Es ist von Fahrgästen diese Anfrage gekommen, und die führen wir jetzt aus.’

Höfliche Entfernung der Armen und Obdachlosen

Ich möchte betonen, es geht hier nicht um jene Bettler, die eher aufdringlich durch die Waggons gehen und manchem Fahrgast lästig fallen. Es geht um jene Menschen, die still in einem Winkel der Station sitzen und die Hand aufhalten. Insbesondere im Winter, wenn die Stationen etwas Wärme bieten.

Frau Amtsrätin Müllner sagte mir später telefonisch, die Stationswarte würden die dort sitzenden Obdachlosen überaus höflich bitten, die Stationen zu verlassen. Niemand sei je mit Gewalt entfernt worden.

Bezirksvorsteherin Votava: „Gemeinsamer Kampf“

Die schwächsten Glieder in unserer Gesellschaft, seien es nun Flüchtlinge, Obdachlose oder Bettler, haben keine starke Lobby. Wenn sich subtil soziale Kälte einschleicht, sollten bei uns die Alarmglocken läuten, insbesondere dann, wenn öffentliche Institutionen und Politiker auf diese Populismus-Schiene aufspringen. Auch die Meidlinger Bezirksvorsteherin Gabriele Votava verkündete laut Kurier vom 6.März bei einer Ansprache in einem Beisl in der Hetzendorfer Strasse martialisch, sie werde dafür kämpfen, dass nirgendwo im 12. Bezirk eine neue Obdachlosenschlafstelle ‘Vinzi-Dorf’ entstehen werde.

Was die Wiener Linien betrifft: Laut Frau Amtsrätin Müllner fanden die zum Geiz auffordernden Lautsprecherdurchsagen mit Wissen und Billigung von Mag. Michael Lichtenegger statt, dem für den betrieblichen Bereich zuständigen Geschäftsführer der Wiener Linien. Ich halte es für wichtig, den Letztverantwortlichen einer solchen Aktion zu finden und zu kritisieren, damit nicht ein ganzes Unternehmen wie die Wiener Linien mit tausenden engagierten Mitarbeitern pauschal verurteilt wird.



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Weitere Infos: Linktipp: Gerd Maiers Homepage - www.gerdmaier.com
GastautorIn: Gerd Maier für oekonews.
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