© Michael Sigmund
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Öffis für Reiche, Teil 1

Wer ist schuld an der Teuerung bei den Wiener Linien?

Seit dem 1. Juli verlangen nicht nur die ÖBB, sondern auch die Wiener Linien von Gelegenheitsfahrern noch mehr Geld für Einzelfahrscheine. Zeitkarten der Wiener Linien bleiben gleichteuer. Natürlich stellt sich die Frage, ob es eine kluge Politik ist, gerade die spontanen Gelegenheitsnutzer der Öffis durch höhere Fahrpreise zu verärgern.

Österreich ist beinahe Schlusslicht, was die Erfüllung des Kyoto-Abkommens zur Reduktion der CO2-Emissionen betrifft. Schuld ist nicht die Industrie, wie aktuelle Statistiken zeigen, sondern fast ausschließlich die gewaltige Verkehrsexplosion der letzten zwei Jahrzehnte. Dass hier dringend Handlungsbedarf besteht, wissen alle Experten. Sechs bis sieben Autobahnprojekte sind im Osten Österreichs in Bau oder Planung, obwohl Österreich innerhalb der EU nach Luxemburg die dichteste Autobahnversorgung pro Einwohner hat. Um zu verhindern, dass noch mehr Verkehr von der Schiene auf die Straße verlagert wird, müssen Öffis attraktiv und leistbar sein. Die Wiener Linien machen mit ihrer Teuerung einen großen Schritt in die falsche Richtung.

Wer entscheidet über den Fahrpreis?

Doch wer steht nun wirklich hinter dieser Teuerung? Walter Andrle, seit 1999 kaufmännischer Direktor der Wiener Linien? Finanzstadträtin Renate Brauner? Oder alle VOR-Mitglieder gemeinsam? Mehr als 15 Telefonate innerhalb der letzten 48 Stunden mit dem VOR, dem Stadtratbüro Brauner, den Wiener Linien und Experten brachten nur wenige zitierbare Äußerungen. Inoffiziell wurde manches gesagt, die offiziellen Pressesprecher oder Bereichsleiter der angefragten Institutionen befanden sich jedoch bei jeder Anfrage in Besprechungen, waren mit abgeschaltetem Handy außer Haus, oder führten Pressekonferenzen. Das mag vielleicht durchaus zutreffen.

Die offizielle Auskunft war meist, die ÖBB habe in einem Alleingang eine Fahrkartenteuerung beschlossen, und die Mitglieder des VOR (Verkehrsverbund Ostregion) hätten überhaupt keine andere Wahl, als ihre Tickets auch zu verteuern, weil sonst ein Preisunterschied zwischen Kernzone Wien und den Außenzonen entstünde, was man den Kunden nicht zumuten könne.

Aha. Die Wiener Linien in Geiselhaft der ÖBB? Handelt es sich dabei nun um Institutionen, die sich wie eine Privatfirma aufführen (siehe ÖBB) und eventuell gegeneinander arbeiten, oder um Infrastruktur-Unternehmen, die von der öffentlichen Hand gesteuert im Interesse der Bevölkerung arbeiten?

Wenig Geld?

Eine Expertin meinte inoffiziell, die Wiener Linien hätten von Seiten der Stadt Wien nur eine begrenzte Geldmenge zur Verfügung, alle weiteren Gelder müssten eben von den Kunden kommen, sonst müsse man das Angebot einschränken. Die Verkehrspolitik werde letztlich nicht von den Wiener Linien gemacht, sondern vom Büro der Stadträtin Brauner. Im Grunde laufe es auf die Frage hinaus, ob man den öffentlichen Verkehr primär über öffentliche Mittel finanziere und damit billig mache (wobei öffentliche Mittel bedeuten, dass die Reichen viel zahlen, und die Ärmeren fast nichts). Oder ob man wie ein Privatunternehmen vorwiegend die Öffi-Benutzer zur Kasse bitte, was die Fahrscheine teuer mache, und was im Grunde jene Leute bestraft, die Öffis nutzen.

Brauner statt Schicker

Dass bei der Gestaltung dieser Verkehrspolitik primär ans Geld gedacht wird, und nicht an Verkehrspolitik und CO2-Emissionen, zeigt sich schon daran, dass die Wiener Linien nicht zum Ressort des Verkehrsstadtrates Schicker gehören (dort wird nur der U-Bahn-Ausbau koordiniert), sondern zum Ressort der Finanzstadträtin Brauner. Deren zuständiger Experte war gestern und heute jeweils auf Besprechungen, ein Rückruf kam bisher nicht zustande.

Öffis müssen nicht gratis sein. Wenn aber in Zeiten einer Wirtschaftskrise die bereits teuren Fahrscheine verteuert statt verbilligt werden, und gleichzeitig die Autobahnen rund um Wien wachsen, führt der Weg direkt ins Kyoto-Versagen.



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Weitere Infos: Linktipp: Gerd Maiers Homepage - www.gerdmaier.com
GastautorIn: Gerd Maier für oekonews.
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