Leere Gleise

Der Poysdorfer Bürgermeister Karl Wilfing schwärmt für den Bau der Nordautobahn nach Tschechien, zeigt aber Desinteresse, wenn es um den Ausbau der Bahn geht

Niemand fühlt sich für die Gleislücke von Laa an der Thaya verantwortlich

Während die Pläne für den Bau einer Autobahn von Tschechien nach Wien auf Hochtouren laufen und im südlichen Teil der Trasse Baumaschinen bereits die Felder platt walzen, herrscht am nördlichen Ende der parallel führenden Bahnlinie eine seltsame Leere. Einst war Laa an der Thaya ein Bahnknotenpunkt, dessen einstige Bedeutung der große Güterbahnhof noch immer erahnen lässt. Doch an der Grenze zu Tschechien herrscht im Bahnwesen noch immer der eiserne Vorhang, trotz Schengen-Abkommen und Fall der Grenzkontrollen: Einige hundert Meter Gleis zwischen Österreich und Tschechien fehlen, nämlich die 1945 zerstörte Überquerung des Thaya-Flusses. Weder das Land Niederösterreich, noch der Bund, noch Tschechien, noch die ÖBB zeigen Interesse daran, das kleine, 1945 gesprengte Gleisstück zu reparieren, um dem Güterverkehr oder dem lokalen Personenverkehr neue Möglichkeiten zu eröffnen.

In einer Zeit, wo sich die ÖBB als Privatfirma fühlt, wird mit Dollarzeichen in den Augen eine eiskalte Kosten-Nutzen-Rechnung angestellt: Wenn es sich profitmäßig nicht rechnet, wird es nicht gebaut. Themen wie Lebensqualität und Umweltnutzen gelten heute für viele Politiker und Bahnmanager als Fremdwort. Beim Autobahnbau hingegen wird oft nicht allzu genau hinterfragt, ob ein Projekt jemals Gewinn abwerfen wird.

Bürgermeister Wilfing: „Wir brauchen die Autobahn!“

Auch Poysdorf hatte einst einen Bahnanschluss an die Linie von Wien nach Laa und Brünn. Während das etwa gleich große Laa an der Thaya heute eine zwar eingleisige, aber immerhin seit kurzem elektrifizierte Schnellbahnverbindung nach Wien besitzt, wurde die Strecke nach Poysdorf schon vor Jahrzehnten stillgelegt. Bis vor wenigen Jahren lagen dort noch Gleise, kürzlich hat die ÖBB nun auch die Schienen weggerissen. Karl Wilfing, autobahnverliebter Bürgermeister von Poysdorf mit beträchtlichem Einfluss im niederöstereichischen Landtag, müsste doch eigentlich daran interessiert sein, den Seitenast der Linie nach Poysdorf wiederzubeleben. Als ich ihn Ende 2006 kontaktierte, schrieb er mir, die Autobahn bräuchten wir weit dringender. Bei der Bahnstrecke seien nämlich inzwischen die Brücken abgebrochen worden. (Das geschah übrigens erst kürzlich durch die ÖBB.) Wenn man die Brücken wieder bauen würde, würde das – so Wilfing – am LKW-Verkehr von Osten nach Westen nichts ändern.

Warum die Ideologie von Karl Wilfing auf falschen Annahmen beruht

Schauen wir uns mal genauer an, was Karl Wilfing offenbar glaubt.

Wilfing behauptet, wegen ein paar kleiner abgerissener Gleisbrücken sei die Bahnstrecke nun uninteressant. Er scheint aber zu vergessen, dass der Bau der riesigen Brückenelemente der Nordautobahn weitaus teurer kommt als zwei oder drei Gleisbrücken.

Wilfing vergleicht die Notwendigkeit der Nordautobahn mit jener eines Schienenastes nach Poysdorf. Das ist wie ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Die Nordautobahn ist (wegen ihrer weit auseinander liegenden Anschlussstellen) vor allem für den Durchzugsverkehr interessant, etwa für den LKW-Transit, während ein Bahnanschluss vorwiegend den Pendlern der Region Vorteile bringt. Wobei Wilfing mit dem Ost-West-LKW-Verkehr vermutlich den Nord-Süd-LKW-Verkehr meint.

Die Bahn wäre schneller und bequemer

Laut Prognosen wird die Nordautobahn viele Pendler zum Umstieg auf das Auto bewegen, was die Verkehrssituation im Wiener Raum zusätzlich verschärfen wird. Die Busverbindung vom Raum Poysdorf nach Wien ist unattraktiv, der Bus benötigt heute von Poysdorf bis zum Praterstern rund eindreiviertel Stunden.

Die ‘Regio-Schnellbahnen’ (also Züge, die nicht überall anhalten) brauchen hingegen vom Umsteigebahnhof Enzersdorf/Staatz zum Praterstern derzeit nur 65 Minuten, der 9 Kilometer lange Seitenast von Staatz nach Poysdorf würde einige zusätzliche Fahrminuten bedeuten. Statt 105 Minuten Busreise, ohne WC, ohne Fenster zum Öffnen, aber mit gelegentlichem Stau, könnte den Pendlern eine 75 Minuten lange bequeme Bahnfahrt nach Wien angeboten werden.

Wilfing ist dies offenbar egal. Er antwortet wörtlich, man könne die Bahnlinie ja ‘vielleicht später irgendwann einmal’ reaktivieren. Wie ist es zu erklären, dass sich ein Weinviertler Bürgermeister nicht für die Interessen seiner gestressten Pendler einsetzt (Stichwort Bahnanschluss), und auch die Belastung durch den LKW-Transit ignoriert (Stichwort 20 Jahre keine Umfahrung)? Und wie ist es zu erklären, dass sich derselbe Bürgermeister Wilfing für ein Geschenk an den internationalen LKW-Transit stark macht, indem er vehement für den Bau der Nordautobahn eintritt?

Amateurhafte Planung

Und so blicken die Autofahrer, die auf der Brünner Strasse mitten im Ortskern von Gaweinstal im Stau stehen (weil auch dort keine Umfahrung gebaut wurde) auf den verlassenen Gleisstutzen einer einstigen, verlassenen ÖBB-Bahnstation. Und die Radfahrer wundern sich in Staatz und in Laa an der Thaya über verlassene Bahndämme, die ins Nichts führen, obwohl jenseits der tschechischen Grenze in Hevlin schon wieder Triebwagen fahren.

Wenn man all das sieht, fragt man sich ratlos, wozu sich Niederösterreich eigentlich einen Verkehrsplaner Friedrich Zibuschka leistet. Denn kompetent organisierter Verkehr sieht anders aus. Was jedoch derzeit in NÖ passiert, wirkt eher wie das Werk ahnungsloser Amateure.



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GastautorIn: Gerd Maier für oekonews.
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